Die Piraten aller Geschlechter können sich geehrt fühlen (besonders die weiblichen): Sie sind
Pascha des Monats bei EMMA.
EMMA vergibt diesen Negativpreis jeden Monat an eine Person oder Organisation, die in der jüngsten Geschichte durch frauenfeindliches Verhalten besonders aufgefallen ist.
Ich fasse hier kurz die Begründungen zusammen, wie sie bei der Verleihung genannt werden:
- Die Partei bestünde zu 97% aus Männern (ohne Quellangabe)
- Die Partei sei ein Männerbund (ohne Quellangabe)
- Die Partei hätte einen hohen Stimmenanteil unter jüngeren Männern
Meines erachtens nach ist der logische Schluss hinter dieser Begründung: Alle Männer sind automatisch frauenfeindliche Sexisten.
EMMA schafft es mit dieser dieser Auszeichnung noch dazu in einem Athemzug alle weiblichen Mitglieder und Unterstützer der Piraten klein zu reden - in der Auszeichnung gibt es dazu nicht einmal eine Fußnote.
Ich kann etwa über mich selbst sagen: Von den Piraten, denen ich in Twitter folge, ist die Mehrzahl weiblich. Aber vielleicht gilt EMMA's Statistik da auch einfach nicht für mich.
Was ist eigentlich EMMA's Problem mit den Piraten? Dass wir uns nicht nach Männlein und Weiblein auf fädeln lassen wollen? Dass unsere Nicks in IRC und anderswo oft keinen Rückschluss auf das Geschlecht zulassen, und wir uns trotzdem nicht erstmal pauschal diskriminieren, "weil man könnte ja weiblich sein"?
Weil wir einen Lebensstil pflegen, einen Umgang miteinander, der EMMA so völlig Fremd ist?
...oder weil wir der guten Freundin von Alice Schwarzer, der Kanzlerin, nicht blind zugejubelt haben?
Oder zu viel? Gilt da das Motto "meine Feinde sind deine Feinde" und die EMMA leistet der CDU Schützenhilfe? Nicht ganz abwegig...
Ich freue mich jedenfalls, dass wir unseren Begriff der "alten Männer mit Kugelschreiber" jetzt endlich geschlechterneutral auch auf "alte Frauen mit Kugelschreibern" erweitern können :-)
Was denken eigentlich weibliche Piraten zu ihrem Titel als Pascha? Gerechtfertigt?
Aber die gute Nachricht an alle: Sexismus scheint endgültig Geschichte zu sein! ... Wenn die Piratenpartei die frauenfeindlichste Organisation der vergangenen Monate ist, der beste Kandidat für den Pascha des Monats, dann kann man ernsthaft behaupten: Gleichberechtigung erreicht, Sexismus abgeschafft, EMMA überflüssig? ;-)
Mini-Update: Rechtschreibung repariert... :-)
Update:
Der letzte Satz des lesenswerten Newsletters bringt das Thema wohl ganz gut auf den Punkt: "Wir sind eure Töchter und eure Söhne. Verachtet uns nicht dafür, dass wir verstanden haben, was ihr sagen wolltet und bitte versteht, dass wir uns ebenso wenig eure Moral aufzwingen lassen wollen, wie ihr euch die der Generation vor euch."
Danke an
Mela (Autorin des Piraten-Newsletters). Ja, wenn es nach EMMA geht haben wir wohl echt
keine größeren Probleme als den bösen Männerpakt Piratenpartei...
Update: Ein
Artikel auf Indymedia und die zugehörigen Kommentare geben ein paar Indizien warum die EMMA-Redaktion ihre Entscheidung gefällt haben könnte...
Update: dyfa über
(un)weibliche Piraten und die Argumente einiger Feministinnen gegen die Piratenpartei (lesenswert :-) )
Update: Die schwedischen Piraten erhalten einen zweiten Sitz im EU-Parlament und vergeben diesen wie angekündigt an
Amelia Andersdotter. Der Frauenanteil der Piraten im EU-Parlament ist somit exakt 50%. :-)
Update (1.12.): Ich bin überrascht. EMMA reagiert nach über einem Monat
in einem offenen Brief doch noch auf die Kritik an der Verleihung. Interessant finde ich, dass der Text da scheinbar vor allem versucht, dem Vorwurf zu widersprechen, man sei von gestern.
In Summe aber werden vor allem die gleichen Kritikpunkte an den Piraten wiederholt, die EMMA und ihre Community schon unzählige Male zuvor gleichlautend geäußert hat. Ich erlaube mir, den vorletzten Absatz zu zitieren:
"Eure Forderung nach einem unbegrenzten Internet teilen wir EMMAs nicht, unabhängig vom Jahrgang. Wir meinen: Das Internet ist in der Tat kein rechtsfreier Raum und auch keine Spielwiese für Pornografen. Aber sicherlich meinen so manche unter euch das ja auch." (Anm.: Hervorhebung von mir)
Deja-Vu? Ähnlichkeiten mit den Wahlkampf-Texten der ehemaligen Familienministerin von der Leyen sind nicht ganz von der Hand zu weisen... :-)