Die
jüngste Diskussion zum Thema Geschlechter innerhalb der Piratenpartei hat einiges an Staub aufgewirbelt. Von Unverständnis, vollster Zustimmung, über Gleichgültigkeit, Ablehnung, Emotionen jeder Art bis hin zu schlimmstem Getrolle. Das Thema hat uns so manches vor Augen geführt.
Zu allererst muss man feststellen dass das Thema keineswegs unbedeutend ist, anderenfalls gäbe es nicht derart viele, teils sehr emotionale, Beiträge dazu. Die Blog-Beiträge selbst zum Beispiel spiegeln oft ein großes Misstrauen gegenüber dem anderen Geschlecht wieder. Oft wird mehr mit Klischees gehandhabt als tatsächlich auf die Vorschläge von Leena oder die Gender-Situation der Piraten einzugehen.
Auffällig ist, wie häufig sich die Vorwürfe und Unterstellungen gleichen - unabhängig vom Geschlecht der Schreiber. Oft ist von einer Übermacht des anderen Geschlechts die rede, von einem grundsätzlichen Interesse der Unterdrückung, ja geradezu einer Verschwörung gegen das eigene Geschlecht. Mit einer sachlichen, zielorientierten Diskussion hat das wenig zu tun.
Mädchen spielen mit Puppen, Buben spielen mit Rittern
Eine Hauptursache für die Debatte und die Dahinterliegenden Probleme ist unsere Erziehung, und das Geschlechterbild, dass in uns allen durch unsere Eltern geprägt wurde. Obwohl viele praktische Benachteiligungen der Frauen mittlerweile gefallen sind, werden Kinder nach wie vor entsprechend ihres Geschlechts konditioniert. Ich meine damit weniger noch vergleichsweise harmlose Dinge wie "Rock oder Hose", sondern eher wie der Nachwuchs auf ideologischer Ebene lernt, wie man als Mädchen oder als Bub zu sein hat.
Natürlich ist die Situation besser als in düsterer Vergangenheit, aber sie ist noch lange nicht so gut, dass wir uns in Wohlgefallen zurücklehnen können.
Immer noch werden Kinder dem Geschlecht nach tendenziell in bestimmte Richtungen erzogen, nach wie vor gelten viele Charaktereigenschaften absurderweise als geschlechtsspezifisch, obwohl die Forschung diese schon länger als erlernte Eigenschaften identifiziert hat (Interessante Lektüre dazu:
Frage der Identität: Was macht den Mann zum Mann?).
Spielzeug für Mädchen weckt und fördert andere Interessen als Spielzeug für Buben. Wenn Menschen schon so früh anerzogen wird, welche Interessen ihr Geschlecht zu haben darf, oder muss, ist es da verwunderlich, dass die große Mehrheit aller Erzieher, speziell Kindergartenpädagogen Frauen sind, während in technischen Berufen die Männer in der Überzahl sind, um mal zwei populäre Beispiele zu nennen?
Ich gehe dabei auch von der Annahme aus, dass das biologische Geschlecht grundsätzlich kaum einen Einfluss darauf hat, wie geeignet man für einen bestimmten Job ist. Leider ist es heute so, dass Merkmale wie Geschlecht, Herkunft oder finanzielle Situation der Eltern dennoch eine entscheidende Rolle spielen, welchen Weg ein Kind im Leben gehen kann - und wird.
Solange manche Eltern anhand veralteter Vorstellungen der Meinung sind, ihr Kind sei zu weibisch oder so männlich, solange diese Eltern um diese Grundannahmen herum ein Weltbild aufbauen, solange haben wir ein Problem.
Es ist kein Problem der Piratenpartei alleine, aber wir können mithelfen, hier für mehr Gerechtigkeit zu sorgen.
Ideologie der Veränderung
Veränderungen finden hier vergleichsweise langsam statt. Menschen, die ihr ganzes Leben lang in eine bestimmte Richtung geprägt wurden, können sich meist nicht von heute auf morgen verändern, sondern folgende Generationen sind die stärkeren Träger des Fortschritts. Eine sichtbare Auswirkung ist der
Generationenkonflikt.
Am Anfang steht das Umdenken. Wenn wir Fortschritte erziehen wollen, müssen wir zuerst unser eigenes Denken verändern. Eine "Männer gegen Frauen"-Mentalität, wie sie prominent von
EMMA und
MANNdat gelebt und gepflegt wird, bringt nur Extreme mit sich, keine nachhaltigen Lösungen.
Die Lösung unserer Probleme liegt nicht in der Betonung dessen, was uns trennt, sondern in dem, was uns verbindet.
Die geistigen Trennwände sind schließlich die eigentliche Ursache der Probleme. Männer- und Frauenlobbies sind keine Lösung. Fortschritt braucht gemeinsames Wirken, und eine Loslösung von alten Vorurteilen und veralteten Ideen.
Warum nicht einfach wegschauen?
Einige Piraten sind wegen der Gender-Diskussion verärgert, und halten sie für Zeitverschwendung. Solange Schwarz-Geld regiert, sollten wir unseren Fokus doch eher dorthin richten.
Ich bin anderer Meinung. Gerade wir sollten hier nicht den bequemen Weg gehen, sondern uns dem Thema stellen: Anderenfalls ist unsere Mission der Gerechtigkeit schließlich ein schwaches Versprechen.
Ich rufe alle Piraten dazu auf, nicht zu polemisieren, sondern sich sachlich, objektiv und vor allem konstruktiv an der Diskussion und einer möglichen Agenda zum Thema Gender zu beteiligen.
Denn ich glaube nicht daran, dass digitales Gejammer zu irgendwas führen wird.
Nachtrag: Ich behaupte natürlich nicht, die Geschlechter seien im Grunde ein Einheitsbrei. Ich will sagen, dass unser soziales, unser erlerntes - und somit veränderliches - Geschlecht in Wahrheit um so vieles mächtiger ist als unsere biologischen Geschlechtsmerkmale, dass es doch absurd ist, dass wir mit dem Verweis auf s.g. "biologische Fakten" untätig bleiben...
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Gleichzeitig sei mir aber noch nie ein Pirat untergekommen, der mir auf Basis der Satzung ernsthaft versuche vorzuschreiben, dass ich mich nicht als Piratin bezeichnen dürfe, was ich schon länger zu tun pflege. So weit, so gut. Das Problem ist, beim Hören des Interviews und den Ausführungen zum Schutzraum ist mir aufgefallen, dass ich in dieser Argumentation gelogen habe. Mir sind schon mehrfach Piraten untergekommen, die mich ernsthaft dafür angegangen sind, dass ich mich Piratin nenne, und sich auf die Satzung berufen haben. Witzigerweise wurde ich von wiederum anderen Personen schon angegangen, weil ich mich als Pirat bezeichnete. Als Frau kann man es in dieser Frage augenscheinlich nicht allein recht machen. Nun waren diejenigen, von denen solche Äußerungen kamen, natürlich einzelne Spinner und bei weitem nicht die Mehrheit. Die meisten Piraten meinen es mit der Gleichberechtigung durchaus ernst und lassen sich auch auf Diskussionen darüber ein.
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Ich denke, wir müssen viel mehr betonen, dass Diskriminierung aufgrund des Geschlechts nicht an feste Rollenverteilungen gebunden ist. Männer diskriminieren gegen Frauen, Frauen gegen Männer, aber sehr oft auch Männer gegen Männer oder eben Frauen gegen Frauen.
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