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31.03.2016, 14:23 Linux-Subsystem für Windows 10 im grundsätzlichen Vergleich mit Virtualisierung, coLinux und Cygwin

Microsoft hat in Zusammenarbeit mit Canonical ein neues Windows-Subsystem entwickelt, mit dem eine Nutzung von Linux-Software unter Windows möglich werden soll. In diesem Beitrag möchte ich erklären, warum der Ansatz sich deutlich von bestehenden Lösungen wie Cygwin, coLinux und Paravirtualisierung unterscheidet. Darüber hinaus setze ich mich ein wenig mit der Bedeutung dieses Subsystems auseinander.

Virtualisierung

Nutzt man Linux paravirtualisiert unter Windows, etwa mittels Hyper-V, VMWare oder VirtualBox, läuft ein grundsätzlich unverändertes Linux-System als virtualisierter Gast. Dem System werden je nach Umsetzung Images, Speichermedien oder Dateipfade, ein Anteil am RAM, die Nutzung einer oder mehrerer CPUs und Netzwerkszugriff mittels Bridging, TAP-Interfaces, usw., ermöglicht. Dabei wird entweder die entsprechende Hardware (Netzwerkkarte, Grafikkarte, etc.) emuliert oder eigene Gerätetreiber ermöglichen eine schlanke Umsetzung und Mitnutzung der Fähigkeiten des Hostsystems.
Der Vorteil daran ist, dass man ein vollständiges und relativ eigenständiges Linux-System hat, dass man bei Bedarf starten und beenden kann. Andererseits hat dieser Lösungsansatz einen erheblichen Overhead. Prozess-Scheduling, Speicherverwaltung, Dateisysteme, all das läuft eigenständig im Gastsystem ab. Viele Aufgaben werden somit mehrfach ausgeführt, womit es sich um eine solide aber auch aufgeblähte, starre und oftmals schlecht skalierbare Lösung handelt. Andererseits lässt sich ein solches Gastsystem relativ unkompliziert auf andere Rechner und sogar eine physikalische Maschine übertragen und schottet das Host-System relativ gut vor dem Gastsystem ab.

coLinux

Bei coLinux handelt es sich um einen Linux-Kernel, der als Windows-Anwendung übersetzt und ausgeführt wird. Der Kernel stellt dabei Fähigkeiten des Host-Systems in Form von Geräten und ähnlichem der Linux-Umgebung zur Verfügung. Dieser Lösungsansatz ist grundsätzlich leichtgewichtiger und flexibler als die Nutzung von Paravirtualisuerung, jedoch bleibt ein bedeutender Teil des Overheads durch den Linux-Kernel und weitgehend eigenständige Prozess- und Speicherverwaltung bestehen.

Cygwin

Bei Cygwin handelt es sich um eine Werkzeugsammlung rund um eine Bibliothek, die POSIX- und bestimmte GNU/Linux-Funktionen in Win32-Aufrufe übersetzt. Anwendungen laufen als grundsätzlich normale Windows-Tasks und nutzen indirekt die entsprechenden Windows-Funktionalitäten. Cygwin ist eine eigenständige Umgebung die nicht binärkompatibel zu Linux ist. Anwendungen müssen also für Cygwin compiliert werden und nutzen dabei das Windows-eigene PE-Format („.exe“ und „.dll“ Dateien). Als Schnittstelle zum Betriebssystem dient eine Bibliothek (cygwin1.dll), die die Umsetzung der Aufrufe vornimmt.
Cygwin verfügt über eine umfangreiche und gut gepflegte Sammlung von Paketen und die Nutzung vieler für UNIX-artige Betriebssysteme geschriebener Programme ist vergleichsweise unkompliziert möglich. Andererseits sind viele Funktionalitäten, wie zum Beispiel Datei- und Prozessrechte und Zugriffe auf Geräte nur eingeschränkt umgesetzt und durch die Art der Integration sind oftmals Anpassungen an UN*X-Software und ihrer Build-Umgebung notwendig, bevor sie zuverlässig und einwandfrei unter Cygwin genutzt werden kann.

Linux-Subsystem

Der von Microsoft im Rahmen der „Build 2016“ vorgestellte Ansatz über ein eigenes Windows-Subsystem geht dabei einen anderen, mit Wine oder der Binärkompatibilität von FreeBSD mit Linux vergleichbaren weg.
Hierbei wird direkt eine Unterstützung für das ELF-Format und die Systemaufrufe umgesetzt. Die Absicht dabei ist es, Windows mittels des neuen Subsystems binärkompatibel zu GNU/Linux zu machen und Funktionen des Windows-Kernels über Linux-Schnittstellen bereit zu stellen.
Dieser Lösungsansatz, sofern kompetent, vollwertig und qualitativ hochwertig umgesetzt, bietet ein hohes Maß an Kompatibilität bei gleichzeitig minimalem Overhead. Den Entwicklern des neuen Subsystems kommt dabei entgegen, dass bei der Konzeption des NT-Kernels derartiges bereits vorgesehen und teils umgesetzt (OS/2-, POSIX-, Interix-, MS-DOS- und WOW64-Subsystem) wurde.

Bedeutung und Perspektive

Einige Leute werden die berechtigte Besorgnis äußern, dass dies ein Versuch ist, mittels der guten alten EEE-Strategie der Linux-Plattform zu schaden. Nach dem aktuellen Wissensstand sieht es für mich aber nicht danach aus. Microsoft ist mit seinen Bemühungen, Windows als Plattform für Internet-, „Cloud-“ sowie High-Performance-Dienste zu etablieren in Anbetracht des investierten Aufwandes bislang alles in allem grandios gescheitert.
Auch der Versuch, erst mittels ActiveX, VBScript und JScript, später mit der „.NET“-Strategie und Silverlight dem Rest der Welt proprietäre Standards für das Internet aufzuzwingen und so unverzichtbar zu werden, ist nicht gelungen. Stattdessen haben sich größtenteils freie Standards und auf OpenSource-Systeme aufbauende Lösungen durchgesetzt. Der „Marktanteil“ beispielsweise des Internet Explorer ist von einst über 90 Prozent auf knappe 10 – 15 Prozent eingebrochen, Tendenz fallend. Besonders im Segment der Internet-Dienste mit einem derzeitigen Anteil von etwa 1,8 % an den Server-Betriebssystemen ist Microsoft heute nahezu völlig bedeutungslos.
In jüngster Vergangenheit hat Microsoft einige gravierende Strategiewechsel vorgenommen. Die Veröffentlichung der Visual Studio Community Edition, die Freigabe des .NET-Framework auf github unter OpenSource-Lizenzen oder auch die Portierung des MSSQL-Servers auf Linux wären vor nicht einmal zehn Jahren für Microsoft noch völlig undenkbar gewesen.
Microsoft scheint sich allmählich doch mit veränderten Realitäten abzufinden und von alten Strategien abzukehren. Im Wesentlichen sehe ich im Linux-Subsystem daher den Versuch, Windows für Entwickler attraktiver zu machen und in dem Bereich gegen GNU/Linux und OSX konkurrenzfähiger zu werden.
Ob das Subsystem ein Erfolg wird oder wie Projekt Astoria endet, ist noch nicht absehbar. Ich bin gespannt.

28.05.2014, 13:10 Rost

In diesem Beitrag möchte ich kurz meine Sichtweise auf die neu entflammte Diskussion rund um die Rohre des Grundwassermanagements der Stuttgart-21-Baustelle darlegen.

Grundsätzlich

Die Rohrleitungen des Grundwassermanagements haben eine Gesamtlänge von etwa 17 km, einen Außendurchmesser von 200mm und eine Wandstärke von etwa 10mm, soweit ich das ermitteln könnte. Das sind also grob geschätzt etwa 4.200 Tonnen Eisen. Eine verschwindend geringe Menge im Vergleich zu all dem Eisen, dass in der Stadt in Bahngleisen (als absolutes Minimum würde ich hier 40.000 Tonnen schätzen), Rohrleitungen, Baustahl, Blitzableitern, Fahrzeugen, Blechen, Kanaldeckeln, Armierungen, Schleusen und Wehre, Zäune und Tore, Brückenbauwerke und Masten und vieles mehr eine ununterbrochene Emission von Rost in die Umwelt verursacht.
Rost, also oxidiertes Eisen, ist ein natürlicher Bestandteil unserer Umwelt. Eisen ist lebensnotwendig, wie man schon ganz einfach an der Farbe unseres Blutes erkennen kann. Viele Lebensmittel enthalten erhebliche Mengen Eisen. Eisenmangel führt zu großen gesundheitlichen Problemen. Wir scheiden auch große Mengen an Eisen über unsere Exkremente aus.

Die „Rostbrühe“

Die Eisenrohre des Grundwassermanagements rosten und geben Eisenoxide an das darin befindliche Wasser ab. Von einer „Rostbrühe“ ist die Rede. Die Diskussion kann den Eindruck erwecken, als sei der Rost im Wasser etwas furchtbares. Der in meinen Augen viel zu reißerischen Argumentation kann ich mich so keinesfalls anschließen, insbesondere durch den verschwindend geringen Anteil der Rohre an der Gesamtemission von Eisenoxiden in Stuttgart.
Natürlich kann ein Bild von rostigem Wasser erschreckend wirken. Aber hier muss ich klar sagen: Die linke Flasche in dem Bild enthält vorgeblich 139 mg/l. Sie enthält also genau so viel Eisen wie rund 142 g Petersilie (etwa 97,8 mg Eisen / 100 g).
Darüber hinaus dauert es eine längere Zeit, bis sich so viel Eisen im Wasser anreichert. Die linke Probe stammt aus einem stillgelegten Rohr, daher vermute ich, dass das Wasser dort einfach sehr lange Zeit unbeweglich gestanden hat.
Die Rechte Probe enthält vorgeblich zwischen 12 und 17 mg/l Eisen. Da auch diese Probe vor den Filtersystemen entnommen wurden ist es schwierig zu sagen, wie viel davon überhaupt im Grundwasser landet.
Ich fände es übrigens auch nicht gut, wenn durch das Grundwassermanagement die Qualität der Stuttgarter Mineralquellen verändert wird, so wie das zu recht befürchtet wird. Aber von einer Rostverseuchung würde ich da nicht sprechen, besonders da die Stuttgarter Mineralquellen von Haus aus zwischen 2 und 8 mg/l an Eisen enthalten, was bei Mineralwässern ja nicht ungewöhnlich ist. Bei der Art des Grundwassermanagements ist meines Erachtens nach der Eisengehalt noch eher das geringste Problem.

Der wahre Skandal

In meinen Augen ist der wahre Skandal, dass hier aus Rücksicht auf das Wasserschutzgebiet eigentlich korrosionsbeständigere Rohre mit Kunststoff-Innenbeschichtung hätten eingesetzt werden sollen, aber offenkundig toleriert es die Bahn und der Projektträger hier, dass stattdessen die kostengünstigeren unbeschichteten Rohre eingesetzt werden. Auch wenn ich die aktuell zum Einsatz kommenden Rohre wie bereits erklärt zwar nicht für bedenklich halte, ist das doch ein klarer Verstoß gegen das, was im Planfeststellungsverfahren festgesetzt wurde. Wenn da was festgelegt wird, sollte man es am Ende auch so machen.
*
Aber hey, sowas ist bei diesem Projekt ja irgendwie eh der Normalfall. Entgleisende IC-Züge wegen verpfuschter Gleisvorfeldverengung, bald lange Stadtbahnsperrungen wegen verpfuschter Planung bei den Kanalbauarbeiten, einmal hätte es das Bahnhofsvordach fast umgeblasen weil nach dem Südflügel-Abriss die Stützmaßnahmen erstmal nicht ausreichend waren, und so weiter, und sofort. Einen tollen Hauptstadtflughafen bauen wir da. Bravo. Nur weiter so. m(
* Update: Da habe ich einer Quelle vorschnell geglaubt, dass das auch in der Planfeststellung so festgesetzt wurde. Konnte dazu aber nichts weiter finden. Somit streiche ich das mit dem Skandal hier einfach mal. Festzustellen ist also, ob das Wasser nach Filterung den vereinbarten Grenzwerten entspricht.

20.02.2014, 12:54 Persönliche Standpunkte

Die Alliierten des zweiten Weltkrieges taten manch schreckliche Dinge, um das furchtbare Regime der Nationalsozialisten zu besiegen und unsere Vorfahren, und damit auch uns selbst, von dieser Geißel der Menschheit zu befreien.
Ich gedenke allen Opfern dieses Krieges. Es ist unsere Verantwortung, die nationalsozialistischen Gräueltaten und ganz allgemein die Schrecken des Krieges niemals zu vergessen. Als Nachkommen von Tätern, Mitläufern und Opfern, von Unterdrückern, Unterdrückten und Befreiern, ist es an uns, aus den furchtbaren Fehlern der Vergangenheit zu lernen.
Jahr für Jahr veranstalten Neonazis „Gedenkveranstaltungen“ anlässlich des Jahrestages der Luftangriffe auf Dresden. Die Neonazis missbrauchen dadurch das Andenken der Opfer, um ihre revisionistischen und menschenfeindlichen Meinungen zu propagieren.
Auch zwei FEMEN-Aktivistinnen haben mit einer provokanten Aktion gegen diesen Naziaufmarsch demonstriert. „Thanks Bomber Harris“ war die Botschaft, die offensichtlich als Provokation gegen die Neonazis gedacht war.
Diese Aktion (#BomberGate) war in meinen Augen ein großer Fehler und ich verurteile sie. Ich halte es für völlig unangemessen, der Verhöhnung von Kriegsopfern durch Neonazis mit einer Verhöhnung von Kriegsopfern zu begegnen. Das haben wir nicht nötig.
Es gibt den berechtigten Verdacht, dass es sich bei der Aktivistin mit der Aufschrift auf der Brust um Anne Helm handelt. Gegen Anne brach daraufhin ein Shitstorm aus, es gab Vorverurteilungen, Vorwürfe und Forderungen, sie solle von ihrer EU-Kandidatur zurücktreten.
Aus dem rechtsradikalen Umfeld sieht sich Anne aktuell mit massiven Gewaltandrohungen und verbalen Angriffen konfrontiert. Hunderte Vergewaltigungs- und Todesdrohungen finden sich im Netz.
Was diese Aktion angeht, falls sie es war, hoffe ich auf ihre Einsicht und Fähigkeit zur Selbstkritik. Als Kandidat muss man damit rechnen, dass eigene politische Aktionen auf die Partei zurückfallen, egal ob man das will oder nicht.
Ich wünsche mir eine ehrliche, kritische und aufrichtige Auseinandersetzung mit der Aktion und ihren Folgen, keinen Shitstorm. Ich wünsche mir Fehlerkultur, kein Nachplappern von Boulevard-Parolen.
Unabhängig von ihren politischen Positionen im Detail, unabhängig davon, dass ihre mutmaßliche Aktion, vermutlich sogar in guter Absicht, völliger Schwachsinn war: Was den Nazi-Pöbel angeht, der aktuell im Netz über sie her fällt, stehe ich unmissverständlich an ihrer Seite. Ich kann und ich will nicht eine Mitstreiterin aufgrund eines dummen Fehlers diesen Menschenfeinden ausgeliefert lassen.

03.02.2014, 11:40 Leak: Mitgliederdaten der Antifa

Vor einigen Monaten gab es beim Bundesverband der deutschen Antifa eine gravierende Sicherheitslücke. Infolgedessen ist es einem Bekannten von mir gelungen, Zugriff auf die Mitgliederdaten zu erhalten. Wegen der laufenden Diskussion sehe ich es als meine Pflicht an, diese Daten hiermit zu veröffentlichen.
Der Titel dieses Blogposts ist, ebenso wie der erste Absatz, frei erfundener Blödsinn. Denn die Antifa ist keine einheitliche Organisation. Die Antifa ist eine Art Bewegung mit teilweise gemeinsamer Symbolik und einer einzigen wirklichen Gemeinsamkeit: Der Bereitschaft, sich den menschenverachtenden faschistischen, nationalistischen und nationalsozialistischen Aktivitäten und Idologien entgegen zu stellen.
Mit der Antifa ist es also genauso wie etwa mit Anonymous. Es gibt keine Gremien, keine Mitgliederverzeichnisse, keine Verbände oder ähnliche feste Strukturen. Grundsätzlich kann jeder hergehen und seine Aktivitäten gegen Rechtsradikale unter diesem Label gestalten. Unter dem Begriff Antifa findet man die unterschiedlichsten Personen, Organisationen und Ideologien. Auch Arbeitsgemeinschaften in zahlreichen Parteien arbeiten unter dieser und abgeleiteter Bezeichnungen.
An manchen Orten gibt es eine einzige Gruppe, die sich als Antifa bezeichnet, in den meisten Großstädten dagegen gibt es viele unterschiedliche Gruppierungen, die sich so nennen. In einigen Fällen fühle ich mich an Monty Pythons „Das Leben des Brian“ erinnert, wo einander die einzelnen Widerstandsgruppen mehr hassen als ihre eigentlichen Gegner, die Römer. In anderen Fällen organisieren Bürgerbewegungen, Parteien, Einzelpersonen und Interessengruppierungen gemeinsam ihre Kundgebungen unter dem Label Antifa. Ja es gibt sogar unzählige biedere Laber-Stammtische, die sich so nennen.
Aber eben auch, und das ist wohl einer der Auslöser für die aktuelle Diskussion innerhalb der Piratenpartei, Menschen, die Gewalt und Vandalismus betreiben. Und auch da gibt es Unterschiede. Da gibt es jene, die sich in „National befreiten Zonen“ nicht der Gewalt der Neonazis beugen, sondern im Angesicht des Versagens der Staatsgewalt zur Selbstjustiz greifen, eine traurige Situation.
Und es gibt auch jene, die den Begriff „Faschismus“ pauschal auf die Polizei, konservative Gruppen oder auch reiche Menschen ausdehnen. Denn wie gesagt, die Antifa ist keine Organisation mit einheitlicher Programmatik. Da gibt es auch solche, die unter dem Banner der Antifa auf Kundgebungen aktiv die gewaltsame Auseinandersetzung mit den Sicherheitskräften suchen, Straßensperren errichten und im Extremfall auch vor dem Einsatz von Steinen, Flaschen, Stöcken und in Einzelfällen sogar Brandsätzen nicht zurückschrecken.
Andere wiederum nutzen einfach die vollen Möglichkeiten des friedlichen Widerstands gegen faschistische Aktivitäten aus, behindern Nazi-Aufmärsche mit Sitzblockaden und ähnlichen friedlichen Mitteln und übertönen deren menschenfeindliche Reden mit Pfeifkonzerten.
Kurzum: Es gibt sie nicht, „DIE Antifa“, über die aktuell gestritten wird. Da gibt es eine Fahne, und jeder versteht etwas anderes darunter. Die einen sehen die Fahne, und denken an ihren friedlichen Widerstand gegen Nazis, an Sitzblockaden und Versammlungsbündnisse, die sie unter diesem Banner betreiben. Oder wie man sich unter dem Begriff „Antifa“ in Brennpunkten gegenseitig vor rechtsradikalen Übergriffen schützt. Und dann gibt es andere, die sehen die Fahne, und denken an die Gewalttäter, an Steineschmeisser und Randalierer. Oder aber an Marxisten. Oder Anarchisten. Und so weiter, und sofort. Und dann kommen Vorurteile und Unterstellungen ins Spiel. Und Verdächtigungen. Solche Vorurteile sind Gift für jeden zivilisierten Diskurs.
Es schadet nicht, wenn man eine Diskussion zu dem Thema mit einer einfachen Frage beginnt: „Was verstehst Du unter der Antifa?“.

29.01.2014, 16:34 Rechtsstaat

Der demokratische Rechtsstaat hat einige wesentliche Eigenschaften und Aufgaben. So soll er die Freiheit des Einzelnen garantieren und dadurch Sicherheit schaffen. Er muss staatlichen Gewalten beschränken und die Menschen- und Grundrechte ebenso garantieren wie den gerichtlichen Schutz der Bürger. Der Rechtsstaat funktioniert also nur dann, wenn er auch gelebt und durchgesetzt wird.
Das unentwegte Aufspüren und Bekämpfen von Missständen im Rechtsstaat ist ein unverzichtbares Element unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Anderenfalls setzen Degenerationseffekte ein, es breitet sich Willkür aus und die Menschen verlieren das Vertrauen in unsere Gesellschaftsordnung. Solche Missstände treten auch in Deutschland immer wieder zu Tage. Das hat zuletzt wieder der Justizskandal rund um Gustl Mollath sehr deutlich gezeigt. Ein anderes Beispiel ist die Hilf- und Tatenlosigkeit, mit der die Behörden oftmals der Einrichtung sogenannter „national befreiter Zonen“ durch Rechtsradikale und andere Menschenfeinde begegnen.
Vergangene Woche hat eine mutmaßlich durch einen Dorfrat angeordnete und durch zahlreiche Dorfbewohner durchgeführte Gruppenvergewaltigung in Indien für weltweites Aufsehen gesorgt. Der Dorfrat hat hierbei als „Gericht“ fungiert, um die junge Frau für eine unerwünschte Beziehung mit einem jungen Mann aus dem Nachbardorf zu bestrafen. Eine unglaubliche Anhäufung von Unrecht.
Dass es in Indien zahlreiche Gegenden gibt, in denen de-facto eigenes Recht gilt und der Rechtsstaat nicht existiert, ist nichts neues. AI weist in seinen Jahresberichten regelmäßig darauf hin, dass dies trotz Bemühungen der indischen Regierung nach wie vor ein gravierendes Problem ist.
Die Berichte über diesen Fall haben mich zu folgendem Beitrag auf Twitter veranlasst:
Jagen, verhaften, vor Gericht stellen. Hoffentlich werden die Richter ein härtestmögliches Exempel statuieren: http://orf.at/stories/2215402/ – @Cymaphore (Link)
Man kann wohl herauslesen, wie sehr mich die Nachrichten in dem Moment mitgenommen haben. Es sind harte Worte.
Aber warum schreibe ich so etwas?
Weil die indischen Behörden seit Jahren daran scheitern, wirksam gegen diese parallel existierenden Rechtsordnungen im eigenen Land vorzugehen. Korruption ist weit verbreitet und diese kommunalen Unrechtsstrukturen haben wirksame Selbstschutzmechanismen entwickelt um sich vor Verfolgung durch die Justiz zu schützen. Die Menschen sind dem vielerorts hilflos ausgeliefert.
Daran wird sich auch weiterhin nichts ändern, wenn die indische Justiz hier nicht endlich angemessen hart durchgreift. Solange sich die örtlichen Autokraten sicher und durch weitere korrupte Strukturen auf anderen Ebenen gestützt fühlen, solange wird dort Unrecht und Willkür regieren. Und, wie im jüngsten Fall: „Unerwünschte“ Liebe durch ein Dorfgericht mutmaßlich mit Vergewaltigung bestraft. Angemessen hohe Haftstrafen für diejenigen, die derartiges Unrecht anordnen und umsetzen wären ein wichtiger Schritt, diese Strukturen aufzubrechen.
Aufgrund meines Tweets ist auf Twitter zwischen Martin Konold und mir folgende kurze Diskussion entstanden:
Selbst Rechtsstaatsfeinde haben ein Recht auf gerechtes, rechtsstaatliches und angemessenes Urteil! – @konold (Link)
@konold Hab ich was anderes behauptet? – @Cymaphore (Link)
Populistische Kackscheisse! @Cymaphore fordert "härtestmögliches Exempel" = Todesstrafe in Indien für mutmaßliche Verbrecher. – @konold (Link)
"Exempel" im Strafecht = Populismus statt Rechtsstaatlichkeit @Cymaphore Forderung Todesstrafe mit Vorsitz #piratenBW unvereinbar! – @konold (Link)
@konold Ich bin entschiedener Gegner der Todesstrafe. Warum unterstellst Du mir sowas schreckliches? Ist es so verkehrt, dass ich mir... – @Cymaphore (Link)
@konold ...hohe Gefängnisstrafen für diejenigen wünsche, die sowas zu verantworten haben, sofern sie das Gericht für schuldig befindet? – @Cymaphore (Link)
Wegen seiner Kritik habe ich diesen Blogbeitrag verfasst. Denn zum einen wäre ich niemals auf die Idee gekommen, die Todesstrafe zu fordern. Es wäre absurd, wenn ich einerseits AI mit monatlichen Spenden unterstütze und an Kundgebungen gegen die Todesstrafe (in dem Fall in den USA) teilnehme, und dann gleichzeitig eine solche Forderung aufstelle. Zum anderen gehe ich nicht davon aus, dass für die Gerichte hier die Todesstrafe ernsthaft zur Diskussion steht, insbesondere unter Berücksichtigung der Urteilsbegründung des Gerichts im Fall der im Dezember 2012 zu Tode vergewaltigten Studentin und vergleichbaren Fällen von Unrechtsjustiz durch Dorfgerichte.
Zugegeben, mein Tweet war emotional und durchaus unangemessen. Aber ich würde niemals, wie es mir hier unterstellt wurde, die Todesstrafe fordern. Die Behauptung ist absurd. Und ich habe, glaube ich, jetzt auch hinreichend dargelegt, was ich mit dem unglücklich gewählten Wort „Exempel“ gemeint habe.
Oder wie seht ihr das?

Update:

Meine Antwort an Peter bringt es glaube ich ganz gut auf den Punkt:
Ich rede davon, dass diese Form der Selbstjustiz angemessen verfolgt gehört und dass die Träger der Unrechtsstrukturen bemerken müssen, dass Recht und Gesetz durchgesetzt wird. Das habe ich unglücklicherweise in meiner Wut als „Exempel“ tituliert.
Der Tweet war ein Kind des Zorns. Er hat deswegen meine Meinung nicht richtig wiedergegeben. Drum entschuldige ich mich dafür.
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