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21.02.2013, 14:37 Warum es einfach besser geht! - Antwort an Matthias zum Thema Bürgerhaushalt

Einige „kurze“ Kommentare von mir zum Beitrag von Matthias Tröndle zum Bürgerhaushalt:
Ich weiß auch nicht, wie aktuell die Prüfung der Anmeldungen stattfindet, ob standardmäßig bei allen Anmeldungen oder stichprobenartig. Da aber beim Meldeamt ja keine Mail-Adressen registriert sind, sind aber der Überprüfung wohl Grenzen gesetzt.
Das ist mit den aktuell erfassten Daten keinesfalls zuverlässig möglich, und Stichprobe findet meiner Erfahrung nach nicht statt. Ich habe sogar versucht, das mal auszureizen. Automatisch wird da nichts geprüft, und eine manuelle Prüfung konnte ich zumindest bei meinen Test-Accounts weder vor zwei Jahren noch jetzt feststellen.
Es wird ja auch nicht das vollständige Geburtsdatum abgefragt, sodass man mit Facebook, Telefonbuch und Freemailern zusammen auf einen Schlag hunderte völlig korrekte gefälschte Datensätze zur Anmeldung am System generieren kann.
Ich könnte mir noch am ehesten ein Verfahren vorstellen, wie es bei anderen Institutionen angewandt wird: die Stadt verschickt einen Brief mit einem Freischaltcode postalisch an jeden neu angemeldeten Nutzer.
Bingo. Man nimmt exakt den selben Meldedaten-View her, wie er schon für die Ladung zur Kommunalwahl verwendet wird. Jeder Stimmberechtigte erhält einen Brief mit Token/Code und weiteren Infos. Haben wir vor zwei Jahren schon vorgeschlagen, u.a. in der Anfrage an den Gemeinderat.
Im Bürgerhaushalt kann man dann seinen Account mit dem Code für Abstimmungen freischalten.
Da ist auch der Werbeeffekt viel stärker. Ein amtlicher Brief macht schon mehr Eindruck als ein unpersönlicher Flyer in der Post.
Eine 100%-ige Sicherheit mit den Accounts wird mal wohl trotzdem nie haben,
Das geht bei einem derartigen Online-Verfahren auch gar nicht. Gleiches Thema wie bei Wahlcomputern. Aber man sollte trotzdem immer auf das bestmögliche Verfahren zurückgreifen, finde ich.
aber bei Auffälligkeiten und den Top-Ergebnissen können ja immer noch die Accounts a posteriori überprüft werden.
Wie will man diese „Auffälligkeiten“ denn feststellen? Man muss beim aktuellen System nicht einmal Statistiker sein, um Vorschläge und Bewertungen so geschickt zu manipulieren, dass es im üblichen Rauschen nicht mehr erkennbar ist.
Dafür gäbe es mit Sicherheit Fehlerkennungen. Stell Dir nur einfach mal vor, ein Vorschlag bewegt die Leute so sehr, dass sich via Facebook und Twitter binnen kürzester Zeit Leute genau wegen diesem Vorschlag anmelden und dann nur für diesen Stimmen.
Deswegen halte ich es für eine Illusion, wenn man hier glaubt, das so heilen zu können.
Obwohl also die unbürokratische Anmeldeprozedur einen Missbrauch offenbar nicht absolut ausschließt, was zugegebenermaßen ärgerlich ist, heißt das noch lange nicht, dass das ganze “Verfahren diskreditiert” ist (wie Christian Thomae schreibt), denn der Kern des Bürgerhaushalts ist nicht das letztliche Abstimmungsergebnis, sondern der Prozess und die Möglichkeit der Einbringung von Vorschlägen, die bisher nicht in der politischen Agenda berücksichtigt wurden.
Jetzt stell Dir mal folgendes vor:
Am Ende des Verfahrens wird aufgedeckt, dass eine wesentliche Zahl der TOP 100 Vorschläge durch Manipulation dorthin gelangt sind, und dass nicht zuverlässig festgestellt werden kann, welcher der mal angenommen 2000 Vorschläge wie platziert ist. Das die vielen Stunden, die die Leute da in Lesen und Bewerten gesteckt haben, umsonst sind.
Das wäre ein GAU für das Ansehen des Bürgerhaushaltes als ganzes.
Und es gibt genügend Leute in Stuttgart mit dem Know-How, um diesen GAU herbei zu führen, weil das System das einfach ermöglicht. Das ist auch der Grund warum wir das letzte Mal schon still gehalten haben, weil wir das nicht wollen. Aber das kann jederzeit passieren, und die Idee Bürgerhaushalt in den Augen der Menschen diskreditieren.
Deshalb befasst sich ja der Gemeinderat am Ende ja gleich mit über hundert Vorschlägen, die allesamt die selben Chancen auf Umsetzung haben. Und auch die anderen Vorschläge sind nicht “gescheitert”, sondern im Gegenteil, werden teilweise vom Gemeinderat oder in den Bezirksbeiräten aufgegriffen.
Wie viele der tausenden Vorschläge aus dem letzten Bürgerhaushalt wurden durch den Gemeinderat bislang umgesetzt? Wie viele aus den TOP 120? Die Bilanz ist da (durchaus verständlicherweise, so etwas braucht auch Zeit) eher mau und betrifft in vielen Punkten m.E. Dinge, die ohnehin gemacht werden mussten. Aber die Abstimmung ist eben Schlangenöl und spielt den Leuten eher was vor.
Im Wesentliche kritisiert ihr, dass die Vorschläge nicht von vorne herein zusammengefasst werden und es deshalb oft auch unübersichtlich würde. Dabei gibt es ja bei diesem 2. Bürgerhaushalt eine wesentliche Änderung zum ersten: die Vorschlags- und die Bewertungsphase sind zeitlich getrennt.
Das war beim letzten Mal auch schon so. Das Verfahren unterscheidet sich im Wesentlichen nicht. Falls dieses Mal in der Bewertungsphase anders als letztes Mal keine neuen Vorschläge mehr möglich sind, dann ist das ein zweischneidiges Schwert, aber beim aktuellen Verfahren schon gut so.
In genau dieser Pause können ja die die eingegangenen Vorschläge auf Dopplungen geprüft und zusammengefasst werden.
Tausende Vorschläge. In händischer Prüfung. Mit Rücksprache mit den Vorschlagenden, ob denen das auch recht ist. Wie viele hundert Arbeitsstunden bzw. Mitarbeiter hat die Stadt Stuttgart dafür genau eingeplant für den Übergang zwischen 1. und 2. Phase?
Ich denke schon, dass es am besten ist, wenn dies “händisch” geschieht, denn angesichts der teilweise komplexen Materie wäre ein Algorithmus da wohl schnell überfordert.
Dem widerspreche ich entschieden. Denk doch mal an Werkzeuge wie Bugzilla.
Stell Dir folgendes Procedere vor:
  • Vorschlag angeklickt
  • "Bitte geben Sie hier einige Stichworte an, worum sich Ihr Vorschlag dreht"
  • Suchergebnisse mit den passendsten Vorschlägen + Zusammenfassung
  • Die Möglichkeit, einen Ergänzungsvorschlag zu einem bestehenden zu machen (wenn was nicht weit genug geht)
  • Am Ende die Auswahl "meine Idee ist nicht dabei, neuen Vorschlag anlegen"
Das eliminiert in Bugtracking-System erfahrungsgemäß Doubletten im Idealfall fast vollständig. Beim Bürgerhaushalt wäre die Quote wohl etwas geringer. Aber dennoch. Die Stadt kann dann das gleiche Modul selbst nutzen bei der händischen Prüfung. Win-Win.
Und wie gesagt, das ist für einen geübten Softwareentwickler vielleicht ein halber Tag Arbeit, das in das Bürgerhaushalts-Drupal zu integrieren. Und wir haben den Vorschlag schon vor zwei Jahren gemacht.
Die händische Behandlung der Vorschläge sollte die allerletzte Instanz sein. Davor sollten alle technisch sinnvollen Mittel ausgeschöpft sein. Derzeit werden m.E. praktisch überhaupt keine technischen Möglichkeiten ausgeschöpft.
Deshalb würde ich abwarten, was dann zu Beginn der Bewertungsphase rausgekommen ist, bevor ich kritisieren würde.
Wir bewerten es auch daran, was schon das letzte Mal bei genau dem Verfahren herausgekommen ist.
Ich denke, dass die städtischen MitarbeiterInnen da sicherlich einen guten Job machen werden.
Hab ich nie infrage gestellt. Ich finde es nur schade, dass man sie mit Fließbandarbeit belästigt, die zu 90 % das System erledigen könnte.
Außerdem gibt es nun in der Vorschlagsphase die Möglichkeit den eigenen Vorschlag bis zu Ende der Phase zu ändern.
Das ging meiner Erinnerung nach beim letzten Mal auch schon. Ich weiß nur nicht mehr ob ich dazu den Button oder die Kontaktanfrage verwendet hatte :-)
Dies ist vor allem relevant, da andere nun die AutorInnen der vorhandenen Vorschlägepersönlich anschreiben können um Anregungen zu geben oder eine Zusammenarbeit anzuregen.
Es gibt weder eine Änderungshistorie, noch eine Etherpad-Integration zum gemeinsamen Bearbeiten der Vorschläge, noch eine Wiki-Artige Änderungsansicht... Das System bleibt trotz eines potentiell neuen „Bearbeiten“-Buttons weit, weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Möglichkeiten, die wir wie gesagt vor zwei Jahren schon vorgeschlagen hätte. Umsetzbare Möglichkeiten. Möglichkeiten, die es für Drupal mitunter sogar als fertige, kostenlose Module gibt.
Was die Nutzeroberfläche angeht, so ist das sicherlich immer subjektiv, wie geordnet oder ungeordnet es empfunden wird.
Teilweise richtig. Aber was wir hier haben ist einfach eine veraltete, nicht zeitgemäße Oberfläche. Es gibt nicht umsonst eine ganze Berufsgruppe, die sich mit User Interface Design befasst.
Für die Chancengleichheit aller Vorschläge finde ich es gut, dass es gerade keine Listen der aktuellen “hot topics” gibt.
Das macht die Sache fairer. Aber so etwas vermisse ich persönlich auch nicht. Ich vermisse eine intuitive Suche mit einer besseren Aufbereitung der Ergebnisse.
Und bei den Vorschlägen eine automatische Anzeige ähnlicher Vorschläge.
Und die Möglichkeit, Alternativanträge aufeinander zu referenzieren. Wenn es z.B. darum ginge, wie ein Kreisverkehr neu gestaltet wird und es da unterschiedliche Variantenvorschläge gibt. Da ist es blöd und nicht besonders Benutzerfreundlich, wenn die einfach nur ohne Bezug aufeinander konkurrieren.
Das zeigt mir, dass vielen offenbar die Möglichkeit fehlt, diese Vorschläge anderweitig einzubringen oder die Kenntnis darüber wo sie dies tun könnten.
Bingo. Es braucht so ein Werkzeug als permanentes Tool für die Verwaltung, den Gemeinderat und die öffentlichen Institutionen, um sich im ständigen offenen Verfahren Feedback zu holen. Aber das haben wir eh vor zwei Jahren schon verlangt.
Und nein, ich halte die gelben Zetteln nicht als adäquate Lösung, wie das der Schuster mir damals verkaufen wollte.
Wir würden das der Stadt sogar entwickeln! Geschenkt! Liebend gerne!
Jemand, der viel Zeit am Computer verbringt und mit komplexer Software zu tun hat, wird sicherlich viele Features vermissen, wie Untervarianten von Vorschlägen etc..
Wenn ich den Bürgerhaushalt aktuell nutze, denke ich mir jedes Mal, wie einfach vieles sein könnte und wie viel Zeit ich mir gespart hätte, wenn das etwas komfortabler umgesetzt wäre. Die Google-Suche ist auch viel viel komplexer als z.B. die Bing-Suche oder die Yahoo-Suche. Trotzdem ist sie viel einfacher und intuitiver benutzbar und konzentriert sich jeweils auf das Wesentliche. Mit ein Grund für ihren Erfolg. Das meine ich.
Es kommt immer drauf an, wie man etwas macht.
Alles in allem sind wir uns sicher einig, dass das ein sehr gutes Beteiligungsinstrument ist, und ich bin froh, dass es zur zweiten Auflage kam.
Wenn das nicht der Fall gewesen wäre und die Stadt das endgültig versemmelt hätte, hätte ich mich zwei oder drei Wochenenden hingesetzt um den bestmöglichen Bürgerhaushalt zu implementieren und wir wären damit in den Gemeinderatswahlkampf gezogen.
Wobei die Situation jetzt nicht viel anders ist. Die Verlockung ist für mich gerade groß, dass wir uns irgendwo die Zeit raus reißen um einen Bürgerhaushalt so hin zu stellen, wie er sein sollte. Und ihn der Stadt so zu schenken.
Ich kann die Kritik im Detail ja auch teilweise gut nachvollziehen, finde aber, dass das Verfahren nicht als insgesamt so schlecht dargestellt werden sollte, dass am Ende noch die Leute von der Teilnahme abgeschreckt werden.
Da spricht auch viel Frust. Vor zwei Jahren wurde der Zustand damit begründet, dass man keine Vorbereitungszeit hatte. Seitdem sind zwei Jahre vergangen. Das Argument zieht ehrlich gesagt nicht mehr wirklich.
Und wenn man Leute mit einem schlechten Tool ein gutes Prinzip madig macht, dann hat man auch nichts davon. Die Erfahrung haben wir bei der Piratenpartei mit Liquid Feedback machen müssen. Viele Leute lehnen das Prinzip nach wie vor wegen der mittlerweile behobenen Schwächen der ersten Version ab. Das darf Stuttgart beim Bürgerhaushalt nicht passieren!
Die rechtlichen Aspekte bei der Umsetzung von mehr direkter Demokratie sind wieder ein anderes Thema, über das ich bei Gelegenheit auch mal gerne diskutiere.
Da kann die grün-rote Koalition gerne mal ihre Wahlversprechen umsetzen, dann wären wir schon einen guten schritt weiter. Da gehört nämlich so einiges an Landesgesetzen geändert. Aber das ist ein anderes Thema ;-)
Danke jedenfalls für den guten und sachlichen Diskurs bislang! Wir sollten die Korrespondenz beim Arbeitskreis einreichen :-)

21.02.2013, 12:25 Matthias zur Kritik der Piraten am Bürgerhaushalt (Gastbeitrag)

Matthias Tröndle hat zu meinen Blogbeitrag zur Kritik am Bürgerhaushalt eine ausführliche Antwort verfasst:
Zunächst einmal freut mich Dein Lob und dass Du auf meine Äußerungen so ausführlich reagierst. Um es gleich klarzustellen: ich spreche hier nicht für die SPD oder die Jusos, sondern lege nur meine persönliche Meinung dar. Die ExpertInnen in der Stuttgart SPD für den Bürgerhaushalt sind Bettina Bunk und Heinrich Schneider, siehe auch hier, oder die SPD-Gemeinderatsfraktion.
Zunächst zum ersten Punkt, den Ihr in Eurer PM angesprochen habt, also dass Fake-Accounts angelegt werden können. Ich denke, wir sind uns völlig einig, dass das verhindert werden sollte. Ich weiß auch nicht, wie aktuell die Prüfung der Anmeldungen stattfindet, ob standardmäßig bei allen Anmeldungen oder stichprobenartig. Da aber beim Meldeamt ja keine Mail-Adressen registriert sind, sind aber der Überprüfung wohl Grenzen gesetzt. Ich könnte mir noch am ehesten ein Verfahren vorstellen, wie es bei anderen Institutionen angewandt wird: die Stadt verschickt einen Brief mit einem Freischaltcode postalisch an jeden neu angemeldeten Nutzer.
Eine 100%-ige Sicherheit mit den Accounts wird mal wohl trotzdem nie haben, aber bei Auffälligkeiten und den Top-Ergebnissen können ja immer noch die Accounts a posteriori überprüft werden. Außerdem, das wurde in der Antwort von Roswitha Blind klar, beschließt ja am Ende der Gemeinderat den Haushalt. Die Ideen aus dem Bürgerhaushalt gehen “nur” als Vorschläge in die Beratungen mit rein, so dass sämtliche Ergebnisse ja nochmals inhaltlich überprüft werden. Obwohl also die unbürokratische Anmeldeprozedur einen Missbrauch offenbar nicht absolut ausschließt, was zugegebenermaßen ärgerlich ist, heißt das noch lange nicht, dass das ganze “Verfahren diskreditiert” ist (wie Christian Thomae schreibt), denn der Kern des Bürgerhaushalts ist nicht das letztliche Abstimmungsergebnis, sondern der Prozess und die Möglichkeit der Einbringung von Vorschlägen, die bisher nicht in der politischen Agenda berücksichtigt wurden. Deshalb befasst sich ja der Gemeinderat am Ende ja gleich mit über hundert Vorschlägen, die allesamt die selben Chancen auf Umsetzung haben. Und auch die anderen Vorschläge sind nicht “gescheitert”, sondern im Gegenteil, werden teilweise vom Gemeinderat oder in den Bezirksbeiräten aufgegriffen.
Nun zu den anderen Punkten, weswegen ich Eure Kritik in der PM als “voreilig” bezeichnet habe. Im Wesentliche kritisiert ihr, dass die Vorschläge nicht von vorne herein zusammengefasst werden und es deshalb oft auch unübersichtlich würde. Dabei gibt es ja bei diesem 2. Bürgerhaushalt eine wesentliche Änderung zum ersten: die Vorschlags- und die Bewertungsphase sind zeitlich getrennt. Dies stellt zum einen sicher, dass alle Vorschläge gleich lang bewertet werden können, zum anderen wird es ja einen kurzen “Break” zwischen den Phasen geben. In genau dieser Pause können ja die die eingegangenen Vorschläge auf Dopplungen geprüft und zusammengefasst werden. Ich denke schon, dass es am besten ist, wenn dies “händisch” geschieht, denn angesichts der teilweise komplexen Materie wäre ein Algorithmus da wohl schnell überfordert. Da es sich ja um eine große aber immer noch überschaubare Zahl von Vorschlägen handelt (letztes Mal waren es 1745), von denen ja nur ein Bruchteil doppelte sind, ist dass auch sicherlich gut machbar. Deshalb würde ich abwarten, was dann zu Beginn der Bewertungsphase rausgekommen ist, bevor ich kritisieren würde. Ich denke, dass die städtischen MitarbeiterInnen da sicherlich einen guten Job machen werden.
Außerdem gibt es nun in der Vorschlagsphase die Möglichkeit den eigenen Vorschlag bis zu Ende der Phase zu ändern. Dies ist vor allem relevant, da andere nun die AutorInnen der vorhandenen Vorschlägepersönlich anschreiben können um Anregungen zu geben oder eine Zusammenarbeit anzuregen. Das gibt einerseits die Möglichkeit, Dopplungen zu vermeiden und Varianten einzubauen, andererseits wird aber auch niemandem ungewollt eine Änderung an seinem Vorschlag aufgedrückt. Insofern finde ich dies eine gute Lösung und ich denke mit der neu eingeführten Trennung der Phasen ist auf viele Kritikpunkte der Vergangenheit eingegangen worden.
Was die Nutzeroberfläche angeht, so ist das sicherlich immer subjektiv, wie geordnet oder ungeordnet es empfunden wird. Es gibt ja die Sortiermöglichkeiten nach Stadtbezirken und Themen. Dazu kann ich mir auch die noch nicht bewerteten Vorschläge anzeigen lassen. Für die Chancengleichheit aller Vorschläge finde ich es gut, dass es gerade keine Listen der aktuellen “hot topics” gibt. Dass es insgesamt sehr viele Vorschläge sind, hängt sicherlich auch mit dem populären Thema “Verkehr” zusammen. Dabei sind ja beispielsweise konkrete Vorschläge für den ÖPNV gar nicht direkt relevant für den Haushalt. Das zeigt mir, dass vielen offenbar die Möglichkeit fehlt, diese Vorschläge anderweitig einzubringen oder die Kenntnis darüber wo sie dies tun könnten. SSB/VVS sollten deshalb darüber nachdenken, ob sie nicht dauerhaft ein spezielles Portal für die Einbringung/Diskussion solcher (teils ja sehr sinnvoller) Vorschläge einrichten wollen.
Auch sollten wir immer daran denken, an wen wir diesen Angebot richten wollen. Jemand, der viel Zeit am Computer verbringt und mit komplexer Software zu tun hat, wird sicherlich viele Features vermissen, wie Untervarianten von Vorschlägen etc.. Der Bürgerhaushalt sollte jedoch für alle offenstehen, auch für die, die mit Software normalerweise auf dem “Kriegsfuß” stehen. Der Bürgerhaushalt soll gerade nicht nur dem Bildungsbürgertum vorbehalten sein. Deshalb finde ich es in Ordnung, dass die Oberfläche so einfach wie möglich gehalten wird und verzichte dafür lieber auch selbst auf so manches mögliches Feature. Dazu kommt, dass das gesamte Verfahren aus dem selben Grund auch “offline” zur Verfügung steht. Vorschläge und Bewertungen können auch telefonisch und per Post gemacht werden. Wie sollte man da Komplexität von vielen Unter-Varianten von Vorschlägen einbauen?
Eure PM habe ich deswegen also als “voreilig” bezeichnet, weil es ja doch einige Änderungen zum letzten Mal gibt und ich denke, dass wir erstmal schauen sollten, dass das Instrument in Stuttgart breiter bekannt wird, v.a. bei denen, die sich nicht ohnehin schon in Parteien und Initiativen artikulieren, sondern die bisher eher leise sind. Alles in allem sind wir uns sicher einig, dass das ein sehr gutes Beteiligungsinstrument ist, und ich bin froh, dass es zur zweiten Auflage kam. Warten wir doch also erst einmal ab, wie das Verfahren mit den Änderungen läuft und hoffen dann auf einen dritten Bürgerhaushalt. Alles kann noch verbessert werden, und ich finde es ausdrücklich sehr gut, dass Ihr Euch so viele Gedanken v.a. zur Software macht und einbringt. Ich kann die Kritik im Detail ja auch teilweise gut nachvollziehen, finde aber, dass das Verfahren nicht als insgesamt so schlecht dargestellt werden sollte, dass am Ende noch die Leute von der Teilnahme abgeschreckt werden.
Soweit meine Meinung; natürlich kann man das auch anders sehen. Ich unterstütze Euch aber gerne, Eure Verbesserungsvorschläge für das Verfahren einzubringen, wenn es darum geht, den Bürgerhaushalt noch mehr Leuten zugänglich zu machen :) Die rechtlichen Aspekte bei der Umsetzung von mehr direkter Demokratie sind wieder ein anderes Thema, über das ich bei Gelegenheit auch mal gerne diskutiere.Matthias Tröndle

20.02.2013, 10:39 Reaktion aus der SPD auf unsere Kritik am Bürgerhaushalt Stuttgart

Matthias Tröndle ist Mitglied der SPD und JuSos in Stuttgart. Ich kenne ihn von diversen Veranstaltungen und schätze seine Meinung. Er war der erste Stuttgarter Politiker, der jetzt auf unsere jüngste Kritik am Bürgerhaushalt Stuttgart reagiert hat, via Twitter:
.@ChristianThomae Ihr seid mit Kritik voreilig; es soll ja eine Zusammenfassung gleicher Vorschläge geben nach 1. Phase. @stuttgart_stadt M_Troendle
@ChristianThomae @stuttgart_stadt Punkte 4 und 2 hängen direkt mit 3. Punkt zusammen. Nur der 1. Punkt wäre kritisch, sofern das stimmt. M_Troendle
@ChristianThomae @stuttgart_stadt Dieser Punkt, den ich nicht verifizieren kann, rechtfertigt trotzdem nicht restliche 3 Eurer 4 Kritikpkte. M_Troendle
Zu aller erst ist „voreilig“ möglicherweise nicht der richtige Ausdruck. Unsere Kritik ist weder neu noch überraschend. Bereits vor zwei Jahren haben wir genau diese Probleme beanstandet, ohne dass sich seitdem etwas verbessert hätte.
Von Punkt 1, der Manipulierbarkeit, kann er sich höchst persönlich überzeugen. Dazu muss er sich nur einen gefälschten Account im Bürgerhaushalt anlegen. Meine zwei Jahre alten Testzugänge dort existieren jedenfalls nach wie vor, und ich könnte diese zum Abstimmen nutzen, wenn ich ausreichend skrupellos wäre. Wir haben das damals sogar als Anfrage an die Gemeinderatsfraktionen geschickt. Einige haben uns geantwortet. Geschehen ist seitdem freilich nichts.
Von den Bedienbarkeitsmängeln kann er sich auch selbst überzeugen. Oder will er mir erklären, dass das die optimale Oberfläche ist, um sich durch die Antragsflut zu arbeiten? Favoriten gibt es freilich, aber keinerlei Möglichkeiten, Vorschläge zu ignorieren, feingliedrig zu filtern, Markierungen zu setzen, mit Tags zu arbeiten, etc., etc. Derartige Funktionen sind Stand der Technik, nicht unnötiger Schnickschnack. All das ist in einem Drupal-basierten System wie dem Bürgerhaushalt mit Hausmitteln und kostenlosen Modulen umsetzbar. Wir haben vor zwei Jahren vorgeschlagen, die Oberfläche da um derart zeitgemäße Funktionen zu erweitern. Nichts davon ist geschehen. Für einen mit Drupal vertrauten Entwickler wären es maximal zwei Tage Arbeit, die wesentlichsten dieser Funktionen zu integrieren.
Auch haben wir bereits vor zwei Jahren im Detail erklärt, warum eine Zusammenfassung der Vorschläge erst nach der Vorschlagsphase nicht hinnehmbar ist. Das wurde uns übrigens damals schon versprochen. Zuallererst hat es da tausende Vorschläge, die händisch gesichtet werden müssen. Händisch. Dann muss die sichtende Person die Unterschiede der Vorschläge gegeneinander abwägen. Und am Ende soll genau ein Vorschlag übrig bleiben (mehr gibt das aktuelle System des Bürgerhaushalts nämlich technisch noch nicht her). Das hat vor zwei Jahren schon nicht funktioniert, und es wird auch dieses Mal nicht gut funktionieren. Und es ist weder fair, noch transparent, wenn Vorschläge so praktisch willkürlich zusammengefasst werden. Dieses System hat keinen Prozess zur Behandlung von Vorschlagvarianten, in unseren Augen eine Minimalanforderung an jeden derartigen Prozess.
Dabei gibt es wie gesagt sehr wohl technische Möglichkeiten, dies beinahe vollautomatisch zu regeln. Wir haben das damals schon demonstriert. Für Drupal gibt es auch für diese Funktion kostenlose Module. Vor zwei Jahren haben wir vorgeschlagen, soetwas einzubauen. Nichts ist passiert. Voreilige Kritik ist das jetzt also eher nicht.
Wir haben diese Punkte damals auch im Arbeitskreis mehrfach angesprochen.
Nichts ist passiert.
Bei aller Freundschaft, lieber Matthias, darum ist unsere Kritik weder voreilig noch unberechtigt. Oder wie siehst Du das?

05.02.2013, 18:00 »Es ist Euch zu egal«

Vorwort: Dies ist ein Gastbeitrag von Julia (a.k.a. Nedra). Ich zähle sie seit Jahren zu meinen engsten Freunden und Vertrauten. Nachdem ich mich seit 2006 aktiv bei den Piratenparteien (ursprünglich in Österreich) betätige war es der Stammtisch Ludwigsburg und Julia, die mich 2009 dazu motiviert haben, aktiv auch in das Parteigeschehen einzusteigen. Ihre Arbeit als treibende Kraft etwa hinter den vielen Ludwigsburger Programmanträgen für die Landtagswahl 2011 in Baden-Württemberg hat mich damals beeindruckt und inspiriert. Die zu dieser Zeit entstandenen Programmpunkte finden sich heute mehr oder weniger zahlreich auch in nahezu allen Landtagswahlprogrammen der Piratenpartei wieder.
Ich habe Julia als einen sehr ehrlichen und aufrichtigen Menschen schätzen gelernt, auch wenn sie oft sehr direkt ist und viele Menschen mit ihrer Art und ihrer starken Persönlichkeit nicht gut zurechtkommen. Sie hat ein besonders ausgeprägtes Bewusstsein für Recht und Unrecht, so hat sie sich in stressigen Wahlkampfzeiten bereits mehrfach als „moralische Instanz“ für mich erwiesen.
Julia hatte im letzten Jahr ganz allgemein auch privat keine einfache Zeit, der folgende Text aber ist ein konkreter Blogartikel von ihr rund um Vorkommnisse im Kreisverband Ludwigsburg, die sich in den vergangenen Monaten zugetragen haben. Ich persönlich war nicht Zeuge dieser Sachverhalte und habe mich bislang so gut es ging als neutraler Vermittler verhalten. Julia hat es verdient, ihre Sichtweise auf die Vorkomnisse darzulegen und diese Chance möchte ich ihr hiermit geben:

Es ist Euch zu egal

Mir wird vorgeworfen, Vorwürfe des Antisemitismus und dummen rechten Geschwätzes zu erfinden und zu benutzen, um Leute, die ich nicht mag, aus Amt, Partei oder Aktivität zu entfernen.
Diese Vorwürfe verletzten mich sehr. Auf Nachfragen zur Sache erfahre ich dann aber oft, dass es angeblich nichts Schriftliches zu lesen gäbe und man sich allein auf die Aussagen des Betroffenen verlassen solle. Hier möchte ich Euch die Angelegenheit mal aus meiner Sichtweise darlegen.
Dass ich damit jetzt „alte Geschichten“ aufwärmen würde, ist auch kein neuer Vorwurf. Der kam schon, als ich es wagte, bei der erneuten Kandidatur von René neulich als Schatzmeister an die getätigten Aussagen zu erinnern. Die lagen zu dem Zeitpunkt ja erst Wochen zurück und sollten bei einer Kandidatenvorstellung nicht ungenannt bleiben. Sein Rücktritt war schließlich eine Folge dieser Äußerungen. Aufgrund dieses Vorgehens kann ich die Stellungnahme, die er damals auf der Ludwigsburger Mailingliste veröffentlicht hat, noch weniger ernst nehmen. Ich frage mich, ob es überhaupt einen Funken Einsicht gibt oder er nur aus Sorge um den eigenen Ruf handelt. Aber ich glaube, ich habe da auf ein sehr hartes und fest verankertes Weltbild gebissen.
Was ist vorgefallen?
Im vergangenen Herbst hat sich René beim Stammtisch Zuffenhausen zum Geschichtsunterricht über den Nationalsozialismus und zweiten Weltkrieg in Deutschland geäußert. Er war damals nicht nur frisch aufgestellter Direktkandidaten für den Wahlkreis Neckar-Zaber, sondern auch Bewerber für das Amt des Schatzmeisters im Kreisverband Ludwigsburg.
In meiner Erinnerung sagte er, dass der Unterricht in Deutschland nur dazu da sei, den Kindern „Schuld“ einzureden. Diese Aussagen haben dazu geführt, dass ich, zusammen mit einem anderen anwesenden Piraten, mit ihm darüber gesprochen habe. Ich habe ihm ins Gewissen geredet und gebeten, so was in Zukunft zu überdenken. Da es schwer zu erkennen ist, was er eigentlich ausdrücken wollte und man schnell missverstehen kann.
Einige Wochen später sagte er dann im Rahmen des Stammtisch Ludwigsburg, dass nicht jeder ein Nazi gewesen sei, der in die NSDAP eingetreten ist. Außerdem müsse man die wirtschaftlichen Fortschritte beachten und wer hätte denn ahnen können, was kommen würde. Man hätte ja auch keine Wahl gehabt, wenn man beruflich weiter kommen wollte und man könne den Leuten keine Schuld geben.
Dem letzten Punkt habe ich deutlich widersprochen, da ich der Meinung bin, dass man immer eine Mitverantwortung, wenn man sich eines Unrechts bewusst ist und diesem schweigend zuguckt. Hier sei anzumerken, dass diese Diskussionen für mich zu dem Zeitpunkt noch kein Anlass waren, René zum Rücktritt aufzufordern. Sie war Anlass, jemandem aus dem Landesvorstand die Geschehnisse zu schildern und Rat einzuholen. Ich habe gefragt, ob ich hier vielleicht auch einfach überreagiere, wenn ich denke, dass wir ein Problem bekommen könnten, wenn solche Aussagen beispielsweise bei einer Wahlkampfveranstaltung fallen.
Wenn Leute auf dem Land, aus der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, ziemlich ähnliche und schlimmere Sachen erzählt haben, etwa über Juden oder Türken, dann war es sehr einfach, ihnen direkt ins Gesicht zu sagen, was für Idioten sie sind. Zu gehen, wenn die Diskussion nicht fruchten wollte. So einfach ist das in einer Partei aber leider nicht.
Dann kam der Tag des ersten Stammtisches in Bietigheim, den ich zur Unterstützung auch besuchen wollte. Da las ich dann einige verwirrende Tweets. Es wurde ein Artikel bei Spiegel Online mit dem Titel „Antisemitismus: So judenfeindlich sind die Deutschen“ verlinkt zusammen mit der Aussage, dass es seltsam sei, was heute alles als antisemitisch gelte.
Nachdem dann die Journalistin, die an dem Tag unseren Stammtisch besucht hat, gegangen war, habe ich René auf diese Tweets angesprochen. Er redete sich heraus, dass die sich gar nicht auf den Spon-Artikel beziehen würden (sucht mal darin was fragwürdig Antisemitisches), sondern auf eine Definition von Antisemitismus, und zwar diese hier: „Arbeitsdefinition Antisemitismus“. Die sei ja „von denen“ geschrieben, also „nicht objektiv“.
Ich weiß nicht mehr genau, wie genau wir im Zuge des Gesprächs auf Israel zu sprechen kamen. Aber mit das erste, was fiel, was er mittlerweile aufs äußerste bestreitet, ich aber beschwören kann (ihr seht das Dilemma), ist folgende Aussage: „Israel macht mit den Palästinensern das gleiche, was die Nazis mit den Juden gemacht haben.“
Ich habe eine weile gebraucht, um das zu verarbeiten und mich vom Schock zu erholen. So etwas ist mir in der Form noch nie passiert. Dann kamen nach Diskussion noch die Einschränkung, dass wohl kein Endlösungsgedanke da sei, wohl aber ein Ghetto etabliert wurde. Das Macht die Aussage in meinen Augen nicht viel besser. Insgesamt haben wir so etwa eineinhalb bis zwei Stunden darüber gesprochen mit dem Ergebnis, dass er, wie er es ausdrückt, die Sache halt viel differenzierter betrachtet als ich.
Ich hatte keinen Erfolg damit, ihm die Abwegigkeit seiner Argumentation zu erklären und zu ihm durchzudringen. Was für Facetten von Antisemitismus es gibt, dass man Israel sehr wohl kritisieren könne und sollte, aber nicht mittels Holocaust-Relativierung und abstrusen Vergleichen. Letztlich habe ich ihm nahegelegt, dass es meine Meinung ist, dass er mit diesen Ansichten untragbar ist als Schatzmeister und Direktkandidat in der Piratenpartei. Ich habe ihn gebeten, sich zu informieren und nachzudenken. Und ja, ich hatte mein Versprechen, ihm Links zu schicken, leider vergessen, was aber keine Entschuldigung dafür sein kann, dass er sich nicht angemessen hätte informieren können.
Die konkreten Tweets, um die es ging, wurden wiederum umgehend gelöscht. Beim Versuch, sie noch über Google u.ä. zu finden, stieß ich auf diverse antisemitische Forenbeiträge von einem Benutzer mit seinem Nickname „bigbrother25“. Nun ist es natürlich so eine Sache mit Pseudonymen im Internet. René betonte mehrmals, dass er im Netz schon immer „bigbrother25“ heißt, nur bei Twitter musste ein Unterstrich dazu. Dann gab es unter diesem Nickname Beiträge zu Themen über die Piratenpartei. Und manche Beiträge, wie der zum Geschichtsunterricht, entsprachen beinahe wortwörtlich dem, was er an den Stammtischen vorgetragen hat.
Auch der Schreibstil, die Wortwahl und die vielen Ausrufezeichen waren für mich Indizien, dass ich hier Texte von ein und derselben Person lesen würde. Ich kann das natürlich nicht beweisen, weshalb ich es vorher auch nie offen erwähnt habe. Aber wenn ihr euch fragt, wieso ich so skeptisch bin, was diese Stellungnahme angeht, die ich auch hier nicht weiter thematisieren will, da es zu noch mehr Aussage-gegen-Aussage-Situationen käme, so ist nicht nur mein Eindruck nach den Gesprächen und der Mailverkehr daran schuld, sondern auch diese Kommentare, von denen er auch einige (Focus) zugibt. Nachzulesen sind aber nur noch die, die er angeblich nicht verfasst hat.
Nach dem Bietigheimer Stammtisch habe ich eine Weile abgewartet. Bereits nach kurzer Zeit hat René selbst getwitterte, dass man ihm gewisse Aussagen vorwerfen würde. Daraufhin habe ich beschlossen, der Gerüchteküche eine so geringe Chance wie möglich zu geben und habe die besagten Vorgänge auf der Mailingliste, in sachlicher und freundlicher Form, beschrieben.
Dies führte zur Antwort des damaligen Vorstandsvorsitzenden, der allerersten Antwort zum Sachverhalt. Bitte bedenkt dabei, dass er weder Zeuge der Vorfälle in Bietigheim war noch mit mir über die Sache gesprochen hatte. Einige Leute verstanden mein Problem mit dieser Mail nicht, da sie dachten, er wäre mit anwesend gewesen. ;-)
Hallo Julia,
ich halte deine Vorwürfe gegenüber René bezüglich Antisemitismus (primär, sekundär oder wie auch immer) für völlig daneben. Aber eine Verurteilung von Personen ohne diese wirklich zu kennen scheint ja wohl gängig zu sein innerhalb der Partei.
Des Weiteren wurde mMn eine Aussprache für den 20. angesetzt. Dass du jetzt hier nochmal die Nazikeule auspackst ist aber genau das was ich erwartet habe.
Wer ALLEN im Dritten Reich die Schuld an der Machtübernahme und dem Genozid gibt vergisst die zahlreichen Widerstandskämpfer und Fluchthelfer.
Vielleicht denkst du auch mal darüber nach. Ansonsten möchte ich dich bitten den KPT über die Personalien entscheiden zu lassen. Danke.
MfG
Matthias
Das war also die Reaktion, die vom Vorsitzenden kommt. Meiner Meinung nach keines Vorstandsmitgliedes oder Piraten würdig. Ich warte bis heute auf eine Entschuldigung oder ein Suchen des Gespräches. Es kam nichts außer weiteren Beleidigungen und Aktionen wie das Löschen aller meiner Zugänge und Accounts in seiner Reichweite. Er tat dies, ohne mich oder seine Vorstandskollegen wenigstens vorher zu informieren. Er begründete dies damit, dass ich mit meinem Ausscheiden aus dem Vorstand auch kein Recht zum Bearbeiten der Website, administrieren der Pads und der Mailingliste mehr habe. Eine geradezu abstruse Begründung. Alles Sachen, die ich schon vor Gründung des Kreisverbandes gemacht und vor allem auch hauptsächlich alleine gemacht habe.
Fadenscheinig ist seine Aktion insbesondere auch, weil die Zugänge von anderen Leuten, die schon über ein Jahr nicht mehr im Vorstand sind oder noch nie im Vorstand waren, von seiner Aktion unberührt blieben. Beim Löschen meines Website-Accounts hat er auch noch einen Fehler gemacht und unzählige Seiten und Artikel beschädigt. Das ist ein Schlag ins Gesicht für die viele geleistete Arbeit. Es nimmt mir jeden Spaß daran, weiterhin aktiv zu sein und ich bleibe dabei, diese Vorgehen als Arschloch-Aktion zu betiteln, auch wenn er mir deswegen schon mit rechtlichen Konsequenzen gedroht hat. Man hätte das ja auch einfach mal vorher im Vorstand abklären können, ob man weiterhin möchte, dass sich auch Basispiraten mit an der Homepage beteiligen, bei der Pflege der Pads helfen oder Mails freigeben dürfen.
Ich hatte mich ursprünglich darauf gefreut, ohne Vorstandsaufgaben die Seite wieder vermehrt pflegen und mehr Artikel zu Themen schreiben zu können. Aber die Lust ist mir jetzt gehörig vergangen und das ärgert mich sehr.
Von Matthias war kein Entgegenkommen absehbar. Mir hätte eine Aussage, dass er sich im Ton vergriffen habe, ja genüg, aber leider kam gar nichts außer weiteren blöden Kommentaren. Ich erwarte mir da von einem Vorsitzenden in der Piratenpartei mehr, daher habe ich nach Rücksprache mit anderen Piraten und dem Stammtisch satzungsgemäß genügend Unterschriften für eine außerordentliche Mitgliederversammlung zur Vorstandsneuwahl gesammelt, woraufhin Matthias dann seinen Rücktritt angekündigt hat.
Sehr schade finde ich es, dass auch hier die Sache auf „persönliche Streitereien“ heruntergebrochen wird. Das ist es eben nicht. Ich bin gegen keinen der beiden „vorgegangen“, weil ich sie nicht mag, sondern weil ich sie für ihre Ämter als ungeeignet halte und mir der Kreisverband und unsere gemeinsame Sache am Herzen liegt. Dass ich mich nicht über diverse Partei-Kanäle mit Nazikeulen-Aussagen beleidigen lassen möchte, insbesondere durch ein Vorstandsmitglied, sehe ich nicht als persönliche Angelegenheit an.
Ich bringe den Leuten am Stammtisch oder im Vorstand etc. Respekt entgegen, was nichts damit zu tun hat, ob wir befreundet sind, uns mögen oder was auch immer. Wir wollen alle politisch aktiv sein und das setzt gewisse gute Umgangsformen voraus. Es ist fast immer ein Fehler, der Meinung zu sein, man könne über jemanden urteilen, weil man meint, ihn zu kennen und weil man schlechtes über den anderen gehört hat. Ihr müsst zuallererst versuchen, die Situation möglichst objektiv von allen Seiten zu betrachten, nicht nur die Person, egal ob Lauer oder Ludwigsburger.
Mich hat genau eine Person von sich aus gefragt, was vorgefallen ist. Aber viel mehr meinten, Zeug twittern zu müssen ohne auch nur einen Schimmer zu haben, was passiert ist. Das ist stellenweise meiner Meinung nach einfach dumm und ignorierbar, aber es wirkt auch verletzend, enttäuschend und demotivierend.
Das ist hier keine Ausnahme und schon gar nichts besonderes, man liest immer wieder von ähnlichen Erfahrungen und sieht die Verhaltensmuster ständig. Da kann es um Plakate gehen, um LQFB oder eben „kleine“ Kreisverbandsvorkommnisse.
Wie die anderen auch habe ich damals die derbe Kritik im Jahr 2010 für die 35 Programmanträge aus Ludwigsburg ausgehalten, die ja dann doch überraschend nicht den Parteitag gesprengt haben, hab mich für Piraten im Kreis bei Streitereien eingesetzt, dafür Mails voller Kraftausdrücke und Drohungen erhalten, hab Mobbing ausgehalten, das erste Landesschiedsgerichtsverfahren verursacht entgegen anderslautender „Ratschläge“, ich solle das einfach unter den Teppich kehren bzw. unter der Hand regeln, wie angeblich schon öfter mal geschehen, denn „wo kein Richter, da kein Henker“, habe kürzlich das Angebot des Landesvorstandes (vielen Dank ganz ohne Ironie hier) ausgeschlagen, wegen Lästereien von Piraten über meine dicke Figur einzuschreiten, dankend abgelehnt.
Mir war klar, dass es nicht leicht wird, gegen so was aufzustehen. Ich würde es wieder tun, aber hoffentlich nicht mehr unter Piraten.
Update: Die im Blogbetrag erwähnte Stellungnahme von Rene findet ihr hier und seine Reaktion auf diesen Text hier.

29.01.2013, 16:16 #Aufschrei in Schwarz-Weiß?

Mir fällt da so einiges ein, über das es sich zu klagen lohnt. Vor einigen Jahren zum Beispiel, da hat die Mutter einer Freundin bei einer Familienfeier (zweifelsfrei mit voller Absicht) mehrere Gelegenheiten dazu genutzt, meinen Po zu begrabschen. Ich habe das damals dezent ignoriert und mich darüber gefreut, dass meine körperbetonte Jeans offensichtlich wirkt. Aber im Prinzip handelte es sich dabei um einen unangemessenen Übergriff, um einen Fall des viel diskutierten Alltagssexismus.
Ich bin ein großer Verfechter eines guten, freundlichen und respektvollen Umgangs miteinander. Ich achte die Grenzen, die man mir setzt. Nein heißt Nein. Das hat mich schon früh in total perplexe Situationen gebracht.
Ich habe es oft genug erlebt... Man ist zu zweit, wird intim. Wir sind zugange. Ich höre von ihr ein „Nein...“ - für mich ein klares, eindeutiges Signal. Ich gehe sofort auf Distanz. Und bekomme einen völlig entgeisterten Blick und die Frage, warum ich aufhöre. Werde von ihr zurückgezogen und es geht weiter. Ich bin jedes mal ein wenig peinlich berührt, aber ich würde trotzdem wieder so handeln. Denn es gab auch schon den Fall, wo es eben einfach ein „Nein“ war, man stoppt, und alles ist bestens.
Es mag merkwürdig klingen, aber es braucht immer wieder eine gewisse Überwindung, die innere Angst zu überwinden, wenn man flirtet, sich näher kennen lernt oder auch intimer wird. Denn im Zwischenmenschlichen gibt es keine einheitlichen Normen. Keine einheitlichen Erwartungen. Menschen sind teilweise extrem verschieden. Ich habe immer die latente Angst, Grenzen zu überschreiten ohne es zu bemerken und jemanden damit zu verletzen. Unbewusst somit zum Täter zu werden, denn das will ich nicht.
Wenn Menschen einander respektlos und abwertend behandeln, kann das auf verschiedene Art und Weise geschehen. Unter den Männern sind da besagte Herrenwitze verbreitet, unerwünschte Berührungen und ganz allgemein aufdringliches, übergriffiges Verhalten gegenüber Frauen.
Aber auch unter den Frauen ist respektloses und abwertendes Verhalten nicht selten. Wie oft zum Beispiel manche Frauen ihre weiblichen Reize und sekundären Geschlechtsmerkmale als Werkzeug nutzen. Einige Frauen sind richtig gut darin, die Macht ihrer Reize zur Durchsetzung ihrer persönlichen Interessen aktiv zu nutzen. Ist die gezielte planvolle Nutzung von Verlockung und Reizen nicht auch eine Form der Respektlosigkeit? Des Übergriffes?
Das ist jetzt meine persönliche Beobachtung. Und die Welt ist eben nicht so einfach... Schwarz-Weiß, Täter-Opfer, Männer-Frauen... Einfache Antworten in einem komplexen Problemfeld.
Letzten Sommer bin ich zum Beispiel einmal ungebremst gegen ein Parkverbotsschild gelaufen. Ursache war die schöne Frau mit dem knappen Tanktop, die da an mir vorbei gegangen ist. Ein tiefer Ausschnitt hat zu einer harmlosen, schmerzhaften, aber witzigen Szene geführt.
Reize wirken auf mich. Es wäre ja auch verwunderlich, wenn nicht.
Schließlich betreiben viele Frauen einen immensen Zeitaufwand, was die Betonung ihrer Reize und ganz allgemein ihr Äußeres angeht. Und so sitze ich in der S-Bahn und versuche mit aller Kraft, die wunderschöne, aufreizend gekleidete Frau, die mir gegenüber sitzt, nicht anders anzusehen, wie die übrigen Fahrgäste. Doch es fällt einem schwer, ihre Reize nicht wahrzunehmen. Nicht unbeabsichtigt zu lange zu blicken. Besonders im Sommer. Nicht so zu wirken, als sehe man jetzt extra hin. Oder absichtlich weg. Man sieht sich um. Ist nervös. Blickt wieder zurück. Man blickt ihr kurz in die Augen. Sie blickt zurück. Mist. Hoffentlich hat sie das nicht falsch aufgefasst. Lieber irgendwas am Smartphone herumdrücken. Hoffentlich kommt sie sich nicht belästigt vor.
Manche Menschen lassen das, was die Reize bei ihnen auslösen, direkt raus. Respektlos und oft ohne die Grenzen der anderen zu berücksichtigen. Andere dagegen, verstecken sich hinter einer Macho-Fassade, um zu verbergen, wie verletzlich sie sind. Wieder andere, so wie ich, bekämpfen die innere Wirkung so gut es geht und überspielen sie mit aller Kraft. Und auch das sind nur einige wenige Beispiele, jeder Mensch geht da anders vor.
Das Leben ist nicht einfach. Weder für Männer, noch für Frauen. Der tägliche Kampf gegen die Windmühlen wird nicht einfacher, wenn wir uns einem einfachen Schwarz-Weiß-Denken ergeben, auch wenn es bequemer ist.
Denn worum geht es eigentlich?
Um einen menschlichen, respektvollen, unverkrampften und positiven Umgang miteinander, von Mensch zu Mensch.
Und wie erreichen wir das?
Indem man umsetzt, worum es eigentlich geht. Und andere dazu motiviert, es einem gleich zu tun. Und sexistische Witze? Statt einer aggressiven Anfeindung kann man häufig auch einfach mit einschlägigem Blick drauf antworten: „Als ob wir Männer da besser sind“ bzw. „Als ob wir Frauen da besser sind“.
Und wenn ich zum Beispiel merke, wie ein Mann einer Frau zu nahe tritt, dann frage ich, ob alles in Ordnung ist und schreite gegebenenfalls ein. Musste ich aber zum Glück noch nie.
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