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28.05.2014, 13:10 Rost

In diesem Beitrag möchte ich kurz meine Sichtweise auf die neu entflammte Diskussion rund um die Rohre des Grundwassermanagements der Stuttgart-21-Baustelle darlegen.

Grundsätzlich

Die Rohrleitungen des Grundwassermanagements haben eine Gesamtlänge von etwa 17 km, einen Außendurchmesser von 200mm und eine Wandstärke von etwa 10mm, soweit ich das ermitteln könnte. Das sind also grob geschätzt etwa 4.200 Tonnen Eisen. Eine verschwindend geringe Menge im Vergleich zu all dem Eisen, dass in der Stadt in Bahngleisen (als absolutes Minimum würde ich hier 40.000 Tonnen schätzen), Rohrleitungen, Baustahl, Blitzableitern, Fahrzeugen, Blechen, Kanaldeckeln, Armierungen, Schleusen und Wehre, Zäune und Tore, Brückenbauwerke und Masten und vieles mehr eine ununterbrochene Emission von Rost in die Umwelt verursacht.
Rost, also oxidiertes Eisen, ist ein natürlicher Bestandteil unserer Umwelt. Eisen ist lebensnotwendig, wie man schon ganz einfach an der Farbe unseres Blutes erkennen kann. Viele Lebensmittel enthalten erhebliche Mengen Eisen. Eisenmangel führt zu großen gesundheitlichen Problemen. Wir scheiden auch große Mengen an Eisen über unsere Exkremente aus.

Die „Rostbrühe“

Die Eisenrohre des Grundwassermanagements rosten und geben Eisenoxide an das darin befindliche Wasser ab. Von einer „Rostbrühe“ ist die Rede. Die Diskussion kann den Eindruck erwecken, als sei der Rost im Wasser etwas furchtbares. Der in meinen Augen viel zu reißerischen Argumentation kann ich mich so keinesfalls anschließen, insbesondere durch den verschwindend geringen Anteil der Rohre an der Gesamtemission von Eisenoxiden in Stuttgart.
Natürlich kann ein Bild von rostigem Wasser erschreckend wirken. Aber hier muss ich klar sagen: Die linke Flasche in dem Bild enthält vorgeblich 139 mg/l. Sie enthält also genau so viel Eisen wie rund 142 g Petersilie (etwa 97,8 mg Eisen / 100 g).
Darüber hinaus dauert es eine längere Zeit, bis sich so viel Eisen im Wasser anreichert. Die linke Probe stammt aus einem stillgelegten Rohr, daher vermute ich, dass das Wasser dort einfach sehr lange Zeit unbeweglich gestanden hat.
Die Rechte Probe enthält vorgeblich zwischen 12 und 17 mg/l Eisen. Da auch diese Probe vor den Filtersystemen entnommen wurden ist es schwierig zu sagen, wie viel davon überhaupt im Grundwasser landet.
Ich fände es übrigens auch nicht gut, wenn durch das Grundwassermanagement die Qualität der Stuttgarter Mineralquellen verändert wird, so wie das zu recht befürchtet wird. Aber von einer Rostverseuchung würde ich da nicht sprechen, besonders da die Stuttgarter Mineralquellen von Haus aus zwischen 2 und 8 mg/l an Eisen enthalten, was bei Mineralwässern ja nicht ungewöhnlich ist. Bei der Art des Grundwassermanagements ist meines Erachtens nach der Eisengehalt noch eher das geringste Problem.

Der wahre Skandal

In meinen Augen ist der wahre Skandal, dass hier aus Rücksicht auf das Wasserschutzgebiet eigentlich korrosionsbeständigere Rohre mit Kunststoff-Innenbeschichtung hätten eingesetzt werden sollen, aber offenkundig toleriert es die Bahn und der Projektträger hier, dass stattdessen die kostengünstigeren unbeschichteten Rohre eingesetzt werden. Auch wenn ich die aktuell zum Einsatz kommenden Rohre wie bereits erklärt zwar nicht für bedenklich halte, ist das doch ein klarer Verstoß gegen das, was im Planfeststellungsverfahren festgesetzt wurde. Wenn da was festgelegt wird, sollte man es am Ende auch so machen.
*
Aber hey, sowas ist bei diesem Projekt ja irgendwie eh der Normalfall. Entgleisende IC-Züge wegen verpfuschter Gleisvorfeldverengung, bald lange Stadtbahnsperrungen wegen verpfuschter Planung bei den Kanalbauarbeiten, einmal hätte es das Bahnhofsvordach fast umgeblasen weil nach dem Südflügel-Abriss die Stützmaßnahmen erstmal nicht ausreichend waren, und so weiter, und sofort. Einen tollen Hauptstadtflughafen bauen wir da. Bravo. Nur weiter so. m(
* Update: Da habe ich einer Quelle vorschnell geglaubt, dass das auch in der Planfeststellung so festgesetzt wurde. Konnte dazu aber nichts weiter finden. Somit streiche ich das mit dem Skandal hier einfach mal. Festzustellen ist also, ob das Wasser nach Filterung den vereinbarten Grenzwerten entspricht.
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2 Comments

From michi, 28.05.2014, 22:51
Das Hauptproblem ist nicht, dass das Wasser rostig wird sondern die Verockerung und das dadurch das Wasser nicht ausreichend versickern kann. Zudem werden die Rohre durchrosten und werden nicht die Bauzeit überleben. Dann müssen sie teuer ersetzt werden und wir müssen es wieder bezahlen.
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From BrunO, 08.11.2015, 07:57
Zu kunststoffbeschichteten Rohren möchte ich gerne etwas anmerken. Die meisten Kunststoffe stehen in Verdacht, hormonaktiv zu sein. Recht gut belegt ist das mittlerweile für Bisphenol A. Ein guter Primer wäre etwa meine Übersetzung eines Interviews mit Fred vom Saal: http://www.csn-deutschland.de/blog/2010/12/07/warnung-eines-bedeutenden-forschers-uber-die-risiken-mit-denen-bpa-unser-leben-bedroht/ - Als ausführlichere und durchaus vorsichtige Einführung empfehle ich den zweiten Bericht der Endocrine Society (PDF-LInk): http://press.endocrine.org/doi/pdf/10.1210/er.2015-1093

Lange Zeit galt PET als unbedenklich, dazu zwei LInks:
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2702426/
http://www.abc.net.au/science/articles/2009/04/29/2555698.htm

Nicht ganz unerheblich ist, daß Hormonrezeptoren für Konzentrationen im Bereich weniger ppb sensibel sind, manche sogar darunten. Auf EDCs (endocrine disrupting Chemicals) ist das Paradigma von Paracelsus nicht anwendbar: Die Dosis macht das Gift. - Die Wirkung ergibt sich in diesem Fall aus einer Dauerbelastung. Manche EDCs haben in hohen Dosen fast gar keine Wirkung. Diese Dauerbelastung könnte man natürlich auch zu einer Jahresdosis summieren, so wie man das für Strahlung tut. Wie bei ionisierender Strahlung dürfte es auch hier keinen sicheren Grenzwert geben, zumindest dann nicht, wenn man das Vorsorgeprinzip beachtet.

Mehr Material zu EDCs und anderen Menschenversuchen gibt es hier: http://ufocomes.de/sources/

Gruß aus Berlin und sorry für ein so langen Kommentar.
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