Cymaphore

Now and then

Our world is made of glass

03.02.2014, 11:40 Leak: Mitgliederdaten der Antifa

Vor einigen Monaten gab es beim Bundesverband der deutschen Antifa eine gravierende Sicherheitslücke. Infolgedessen ist es einem Bekannten von mir gelungen, Zugriff auf die Mitgliederdaten zu erhalten. Wegen der laufenden Diskussion sehe ich es als meine Pflicht an, diese Daten hiermit zu veröffentlichen.
Der Titel dieses Blogposts ist, ebenso wie der erste Absatz, frei erfundener Blödsinn. Denn die Antifa ist keine einheitliche Organisation. Die Antifa ist eine Art Bewegung mit teilweise gemeinsamer Symbolik und einer einzigen wirklichen Gemeinsamkeit: Der Bereitschaft, sich den menschenverachtenden faschistischen, nationalistischen und nationalsozialistischen Aktivitäten und Idologien entgegen zu stellen.
Mit der Antifa ist es also genauso wie etwa mit Anonymous. Es gibt keine Gremien, keine Mitgliederverzeichnisse, keine Verbände oder ähnliche feste Strukturen. Grundsätzlich kann jeder hergehen und seine Aktivitäten gegen Rechtsradikale unter diesem Label gestalten. Unter dem Begriff Antifa findet man die unterschiedlichsten Personen, Organisationen und Ideologien. Auch Arbeitsgemeinschaften in zahlreichen Parteien arbeiten unter dieser und abgeleiteter Bezeichnungen.
An manchen Orten gibt es eine einzige Gruppe, die sich als Antifa bezeichnet, in den meisten Großstädten dagegen gibt es viele unterschiedliche Gruppierungen, die sich so nennen. In einigen Fällen fühle ich mich an Monty Pythons „Das Leben des Brian“ erinnert, wo einander die einzelnen Widerstandsgruppen mehr hassen als ihre eigentlichen Gegner, die Römer. In anderen Fällen organisieren Bürgerbewegungen, Parteien, Einzelpersonen und Interessengruppierungen gemeinsam ihre Kundgebungen unter dem Label Antifa. Ja es gibt sogar unzählige biedere Laber-Stammtische, die sich so nennen.
Aber eben auch, und das ist wohl einer der Auslöser für die aktuelle Diskussion innerhalb der Piratenpartei, Menschen, die Gewalt und Vandalismus betreiben. Und auch da gibt es Unterschiede. Da gibt es jene, die sich in „National befreiten Zonen“ nicht der Gewalt der Neonazis beugen, sondern im Angesicht des Versagens der Staatsgewalt zur Selbstjustiz greifen, eine traurige Situation.
Und es gibt auch jene, die den Begriff „Faschismus“ pauschal auf die Polizei, konservative Gruppen oder auch reiche Menschen ausdehnen. Denn wie gesagt, die Antifa ist keine Organisation mit einheitlicher Programmatik. Da gibt es auch solche, die unter dem Banner der Antifa auf Kundgebungen aktiv die gewaltsame Auseinandersetzung mit den Sicherheitskräften suchen, Straßensperren errichten und im Extremfall auch vor dem Einsatz von Steinen, Flaschen, Stöcken und in Einzelfällen sogar Brandsätzen nicht zurückschrecken.
Andere wiederum nutzen einfach die vollen Möglichkeiten des friedlichen Widerstands gegen faschistische Aktivitäten aus, behindern Nazi-Aufmärsche mit Sitzblockaden und ähnlichen friedlichen Mitteln und übertönen deren menschenfeindliche Reden mit Pfeifkonzerten.
Kurzum: Es gibt sie nicht, „DIE Antifa“, über die aktuell gestritten wird. Da gibt es eine Fahne, und jeder versteht etwas anderes darunter. Die einen sehen die Fahne, und denken an ihren friedlichen Widerstand gegen Nazis, an Sitzblockaden und Versammlungsbündnisse, die sie unter diesem Banner betreiben. Oder wie man sich unter dem Begriff „Antifa“ in Brennpunkten gegenseitig vor rechtsradikalen Übergriffen schützt. Und dann gibt es andere, die sehen die Fahne, und denken an die Gewalttäter, an Steineschmeisser und Randalierer. Oder aber an Marxisten. Oder Anarchisten. Und so weiter, und sofort. Und dann kommen Vorurteile und Unterstellungen ins Spiel. Und Verdächtigungen. Solche Vorurteile sind Gift für jeden zivilisierten Diskurs.
Es schadet nicht, wenn man eine Diskussion zu dem Thema mit einer einfachen Frage beginnt: „Was verstehst Du unter der Antifa?“.
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10 Comments

From Clauscom, 03.02.2014, 12:54
Guter Artikel.
Zu deiner Bemerkung über die "Gewalttäter" ist anzumerken, dass Sachbeschädigung KEINE Gewalt ist. Sie wird manchmal auf Demos oder bei Aktionen als Mittel der Machtumkehrung oder Warnung angewendet, richtet sich jedoch nicht gegen Menschen. Dass dabei Menschen verletzt werden können, liegt eher an der mangelhaft fachlichen Umsetzung.
Und dass es in der Piratenpartei - einer Partei die nach allen Seiten offen ist - Ablehnung gegenüber Antifaschisten gibt, ist eigentlich nicht verwunderlich. Aber auch das müssen Antifas aushalten können. Und wenn sich daraus ein Diskurs entwickelt, umso besser.
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From Alexander Höhning, 03.02.2014, 13:39
Sehr guter Beitrag, du vergisst leider eine kleine Kleinigkeit, und zwar dass der begriff ANTIFA historisch gesehen von rechtsradikalen eingeführt wurde.
Was nicht bedeuten soll dass er nicht richtig ist, ich denke nur das sollte man berücksichtigen. Außerdem bin ich der Meinung, dass gewalthaltige Demonstrationen seien sie gegen Menschen oder gegen Gegenstände gerichtet, nicht richtig sind und nur die Gegenseite unterstützen.
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From Ulan, 03.02.2014, 14:25
Schön eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Begriff zu lesen. Es fehlt vielleicht noch der Hinweis, dass es unter dem Oberbegriff Antifa auch solche gibt, die für sich selbst Gewalt (auch gegen Sachen) ablehnen, aber anderen nicht reinreden, wenn sie das als letztes Mittel für notwendig erachten.
Und als Reaktion auf Clauskom: Ablehnung gegen Antifaschistinnen (also antifaschistisch Denkende und Handelnde) kenne ich bei den Piraten nicht, eine solche Haltung steht in keiner Weise im Widerspruch zu Parteiinhalten. Aber es ist Unfug "die Antifa" generell als Teil der Piratenpartei zu akzeptieren und es ist falsch, die Piratenpartei ohne Parteibeschluss als Teil eines Netzwerkes eingliedern zu wollen, das mindestens teilweise gewaltbereit und gewalttolerierend ist. (Und sollte eine solche Eingliederung erfolgen bin ich ebenso nicht mehr Pirat, so wie ich nicht mehr SPD-ler bin)
Praktisch alle heutigen Piratenaussagen sind mit faschistischem Gedankengut unverträglich. Dem Piraten-Grundsatzprogramm zu folgen und es zu vertreten verstehe ich als die piratische Form des "keinen Fußbreit".
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From TrueType, 03.02.2014, 14:35
Hallo Clauscom,

wow. Echt ein Hammer, was Du hier von Dir gibst. Dass Sachbeschädigung keine Gewalt sei. Sachbeschädigung ist die Verletzung von Rechten anderer. Und der Übergang zwischen materiellen und menschlichen Rechtsverletzungen ist ein schleichender. Also aufgepasst. Wer schlau ist, positioniert sich möglichst weit weg von diesem Problem. Distanziert sich von dem Punkt, wo im privaten Verbrechen und im öffentlichen der Bürgerkrieg beginnt. Da hilft auch nicht, wenn diese Verbrechen fachlich versiert ausgeführt werden...

Politische Gewalt, auch gegen Dinge, ist Krieg. Und man muss nicht erst ethnische Säuberungen begehen, um Grenzen zu überschreiten. Wir haben in Deutschland ein ziemlich hoch entwickeltes politisches System. Darin kann sich jeder einbringen. Ich denke nicht, dass die einer Antifa näherstehenden politischen Akteure zu wenig Einfluss hätten.

Ich empfehle jedem friedlichen und respektvollen Menschen sich von den Zeichen der Antifa zu distanzieren, soweit diese Gewalt als politisches Mittel sieht. Mir fällt es zudem schwer, einen politischen Diskurs zu suchen, mit Leuten, die gleichzeitig die Regeln einer Gemeinschaft mit Füßen treten, die ich meine eigene nenne.

Ich bin ein Mensch der Mitte. Ich möchte keine Extremen in der linken, rechten oder sonstigen Art. Ich hoffe, dass wir in der Zukunft eine Gesellschaft finden, wo dazu bestehende Probleme kleiner werden. Und dass wir den Weg dorthin möglichst friedlich finden. Zumindest aber gewaltfrei.

TrueType
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From Sleeksorrow, 03.02.2014, 17:37
Oh weh, und schon wieder ein "gegen Extremismus jeder Art". Da denkt man, jemand der so einen ausführlichen Kommentar wie TrueType schreibt, hat sich ganz sicher ausführlich mit dem Extremismusbegriff auseinandergesetzt. Immer wieder enttäuschend, dass dem nicht so ist, sondern Bauchgefühl als Basis der Erkenntnisse verwendet wird.

Es klingt auch so einleuchtend: "Extremismus ist doch immer extrem, sagt ja schon der Name, alles Extreme ist falsch! Also alles in einen Topf und Deckel druff!" Das einzige Problem daran ist, dass es nicht stimmt, dass es sehr wohl auch Ideologien gibt, die gemäß der Definition unter Extremismus fallen, aber in keinster Weise bedenklich sind, ja im Sinne der Meinungsfreiheit sogar in Folge unserer Beschlüsse geschützt werden müssen, auch wenn wir sie sicher in keiner Form toll finden.

Wer jetzt denkt: "Was ein Dummfug!" der mag hier aufhören zu lesen und sein Weltbild beschützen. Wer denkt "Wuz? Wie soll das denn sein?" der gehe bitte hierhin:

http://www.wider-die-windmuehlen.de/2011/12/warum-die-piratenpartei-nicht-%E2%80%9Egegen-extremismus-jeder-art%E2%80%9C-ist/

Stichwort ist "Pazifistische Anarchistinnen". KTHXBAI
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From Idahoe, 03.02.2014, 18:30
@ Clauscom
In einer eindimensionalen Welt, könnte Dir einer zustimmen, da wir nicht in dieser simplifizierten Welt leben, beachte einfach einmal, daß auch Gewalt gegen eine Sache durchaus persönliche Gewalt nach sich zieht. Ein Geschädigter hat durchaus Emotionen, die er dann möglicherweise an anderen auslebt, die für die Tat selbst nichts können...

@Cymaphore
Die Frage sollte lauten:
Was ist denn überhaupt Faschismus?
Erst nach Klärung dieser Frage, kann die Frage nach der Antifa beantwortet werden. Jede Ideologie führt in totalitäre Systeme, dies ist nur eine Frage der Zeit. Die Symbole, Flaggen, Farben sind nur schmückendes Beiwerk.
Es gibt keine O F F E N E Ideologie. Eine Ideologie zeichnet sich durch ein geschlossenes Weltbild aus.
Weshalb Begriffe wie beispielsweise Faschismus überhaupt bemühen? Reicht nicht ein "gläubiger Idiot" völlig aus? Warum erst bewerten? Das I D E A L einer Ideologie bedingt zwangsläufig Gut und Böse.

Al Kaida ist auch keine organisierte homogene Truppe, trotzdem lehne ich diese ab.
Wer denkt, daß er ohne Antifa nicht auskommt, vergißt, daß es dann auch zwingend den Faschisten geben muß.
Ladet einfach mal Ellen Esen ein und diskutiert mit ihr über die Gründe, wie ein Mensch zur rechten Szene kommt, der fällt tatsächlich nicht vom Himmel.

Ausgegrenzte Menschen, entwickeln manchmal einfach nur Haß, statt zu resignieren. Eine Wettbewerbsgesellschaft erzeugt eben Verlierer, die ausgegrenzt werden. Entweder ihr lernt Zusammenhänge zu verstehen oder lebt einfach weiter damit. Wer Wettbewerb für richtig hält, der muß eben die ausgegrenzten Verlierer bekämpfen. Belohnung und Bestrafung. Gut und böse.

Das Jammern über den IST-Zustand ist ansonsten einfach nur erbärmlich.

Es gab eine Zeit, als Piraten vieles anderst machen wollten:

Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.
Albert Einstein
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From Idahoe, 03.02.2014, 18:55
@Sleeksorrow
Von welchen Ideologien redest Du?
Die Ideenlehre Platons besagt, daß es ein ideales Urbild gäbe, die I D E E. Die ist eine totalitäre Betrachtung. Das anzustrebende Ideal ist das Gute, alles andere folglich böse. Sich mit einem Ideal zu messen erzeugt zwangsläufig Versagen, denn ein Ideal kann niemals erreicht werden. Minderwertigkeitskomplex sei gegrüßt.

Die Folge eines Ideals ist Selektion. Die Philosophenkönige sind das Ideal Platons, Schubladendenken.

Linke, Rechte, oder auch liberale Ideale bzw. Ideologien bedeuten in der Konsequenz Selektion, eben Wettbewerb. Sie streben nach Unveränderlichem, sie sind ALLE KONSERVATIVE. Die Behauptung Linke wären progressiv, ist nur ein Witz des Universums, Higgs.

An Ideale muß der Mensch GLAUBEN. Der gläubige Mensch ist bereits im Besitz der einzig wahren Wahrheit, da ist Wissen nur eine Behinderung.

Die Gegen- Windmühlen sind manchmal nur Warmluftgebläse...
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From Murgpirat, 03.02.2014, 20:15
Sorry Leute, aber solang unter dem Banner der Antifa Gewalt gegen andere Menschen oder willkürliche Zerstörung durch einige wenige - nennen wir sie pauschal Schwarzer Block - von der Masse der anderen unter Antifa-Flagge agierenden zumindest geduldet, wenn nicht gar gutgehießen wird, kann ich diese Bewegung nicht gutheißen.

Es gibt andere Bündnisse gegen Rechts, die auf Gewalt verzichten. Die keine Steine und Brandsätze auf Polizisten werfen. Oder Scheiben von Geschäften einwerfen. Oder Autos in Brand setzen. Alle Gewalt geht vom Staate aus. Und wer bewusst die Gewalt anderer duldet und gutheißt, macht sich mMn mitschuldig.

Und wenn dann wie kürzlich in Baden-Baden geschehen nach einer friedlichen Demo gegen Rechts eine Gruppe unter Antifa-Banner marschiert und einer dieser Gruppe skandiert Parolen wie "Deutschland verrecke", dann muss man sich wirklich nicht wundern, warum die Antifa Bewegung nicht wirklich einen guten Ruf hat.

Wenn ich jemanden höre, der solchen Bantha Poodoo von sich lässt, bekomme ich auch Gelüste darauf, die Person zu teeren, zu federn und aus dem Land, welches doch verrecken soll, rauszujagen. Oder zumindest jedwede staatliche Leistung, die der Person zugute kommt, einzustellen. Aber auch für mich gilt, dass das Gewaltmonopol vom Staat ausgeht.

Wenn einem nicht passt, was der Staat mit dem Gewaltmonopol anstellt, der soll die legitimen Mittel nutzen, dagegen vorzugehen. Sinnlose Sachbeschädigung trägt dazu jedoch nicht bei. Das sorgt nur dafür, dass alle "normalen" Menschen zukünftig mit höheren Versicherungsraten beglückt werden.

Sicherlich ist nur der kleinere Teil derer, die unter Antifa-Flagge handeln, wirklich gewaltbereit. Ein weiterer Teil ist mit der Staatsform nicht einverstanden. Und dann sind noch die, denen es wirklich um die Sache geht, insbesondere um den Kampf gegen Rechts. Denen wäre aber gut angeraten, sich von dem restlichen Gesocks loszusagen und den zivileren Bündnissen anzuschließen.

Für mich persönlich macht es keinen wirklich großen Unterschied, ob rechs- oder linksgesinnte Sachen zerstören und Leute verletzen. Beide Seiten verfolgen eine unsinnige Ideologie. Wenn man politisch was erreichen will, dann friedlich oder gar nicht. Und da dummerweise immer die Schlimmsten auch die Lautesten sind, wird Antifa von den Leuten außerhalb der Filterblase grundsätzlich mit assozialem, gewalttätigem Pack gleichgesetzt, auch wenn nur ein Teil davon asutickt. Es kommt eben auf die Aussenwirkung an.

Und da die Außenwirkung saumäßig beschissen ist, wird die Antifa Bewegung ihre Ziele eher nicht durchsetzen können. Einfach, weil ihnen niemand zuhört.

Der Piratenpartei wäre es daher gut geraten, sich nicht mit der Antifa zu verbrüdern. Daher auch die Aufregung um das Flaggengate.
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From dot tilde dot, 03.02.2014, 21:22
was antifa ist, kann man gut diskutieren. vielen dank für den anstoß.

wo sie anfangen muss, ist für mich ganz offensichtlich: bei mir selber, etwa zwischen linker schulter und bauchnabel.

.~.
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From trs, 04.02.2014, 11:14
achja, die national befreiten zonen.
würde zu gerne welche sehen. ich frag mal die jungs von scherer8 was sie dazu sagen.

ihr armen kinder. zumindest werdet ihr die früchte eurer durch schule und medien indoktrinierten dummheit im besten alter erleben dürfen.

deutschland verrecke!
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