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30.08.2013, 09:50 Ein Rezept für ein homöopathisches Mittel gegen Schlaflosigkeit

Aktuell ärgert sich der deutsche „Zentralverein homöopathischer Ärzte“ (DZVhÄ) furchtbar über die Position der Piratenpartei zur Homöopathie. Auslöser war ein Blogbeitrag von Julitschka. Daher möchte ich in diesem Beitrag kurz erklären, wie sich jeder selbst ein homöopathisches Mittel gegen Schlaflosigkeit anfertigen kann. Am Ende des Beitrages gehe ich dann auf die zugrunde liegenden Theorien ein.

Das Mittel anfertigen

Als Grundbestandteile benötigt ihr:
  • Eine Tasse sehr starken Kaffee, z.B. Espresso
  • 10 Trinkgläser
  • Ein Schnapsglas oder vergleichbares kleines Gefäß
  • 12 Besteckstücke (wahlweise Löffel, Gabel oder Messer)
  • Wodka oder Rum
  • Zucker
Alle Gegenstände müssen so sauber wie irgend möglich sein. Zuerst wird in jedes Trinkglas frisches Leitungswasser, besser destilliertes Wasser oder Mineralwasser, gefüllt. Anschließend brüht man die Tasse starken Kaffee. Je stärker, desto besser.
Jetzt taucht man das erste Besteckstück kurz in die Tasse Kaffee ein, dann in das erste Trinkglas mit Wasser und legt es anschließend zur Seite. Dann muss das Glas geschüttelt werden. Anschließend nimmt man ein frisches Besteckstück, taucht es ins erste Glas, anschließend ins zweite Glas, legt es dann zur Seite und schüttelt. Dann nimmt man ein weiteres Besteckstück, taucht es ins zweite Glas, anschließend ins Dritte, legt das Besteckstück zur Seite und schüttelt. Das wiederholt man so lange, bis man alle Trinkgläser durch hat. Das ist eine sehr einfache einfache Methode, um den Wirkstoff zu „Potenzieren“. Jetzt gibt man ein ganz kleines Bisschen vom Wodka (oder Rum) in das Schnapsglas und fügt ein kleines bisschen Zucker hinzu. Beides mit einem frischen Besteckstück Verrühren. Anschließend muss das Schnapsglas mit der Flüssigkeit aus dem letzten Trinkglas aufgefüllt werden.
Das Schnapsglas enthält jetzt ein mittelmäßig potenziertes homöopathisches Mittel gegen Schlaflosigkeit, das einige Zeit vor dem Schlafen gehen eingenommen werden kann.

Die Theorie dahinter

In der Homöopathie erfolgt die Auswahl des Wirkstoffes nach der Wirkung einer Grundsubstanz auf eine gesunde Person. Deswegen kommt in unserem Fall Kaffee als Wirkstoff zum Einsatz. Wenn ein durchschnittlicher Mensch einige Zeit vor dem Schlafengehen einen sehr starken Kaffee trinkt, leidet er mit gewisser Wahrscheinlichkeit unter Schlaflosigkeit. Kaffee ist daher ein geeigneter homöopathischer Wirkstoff gegen Schlaflosigkeit. Wirksam soll das Mittel durch unglaublich starkes Verdünnen, in der Homöopathie „potenzieren“ genannt, werden. Je stärker der Wirkstoff verdünnt ist, desto wirksamer soll das Mittel anschließend sein. Bei der hier beschriebenen Methode ist die statistische Wahrscheinlichkeit groß, dass sich im letzten Wasserglas noch zahlreiche Moleküle des Kaffees wiederfinden, das Mittel ist also laut homöopathischer Lehren nicht sehr hoch potenziert und daher kein „starkes“ homöopathisches Mittel.
Zucker und Alkohol finden sich in vielen homöopathischen Mitteln, haben aber keinen Einfluss auf die angebliche Wirksamkeit.

Homöopathische Wirksamkeit

Homöopathen erklären die Wirksamkeit der Mittel damit, dass die Information aus dem Wirkstoff als Information im Wasser gespeichert und weitergegeben wird.

Nachweisbare Wirksamkeit

Homöopathische Mittel sind in puncto Wirksamkeit in klinischen Tests von gewöhnlichen Placebos (je nach Vergleichspräparat Zuckerwasser, Leitungswasser, Zuckerwasser mit Alkohol, etc.) nicht unterscheidbar. Gibt man der einen Hälfte der Studienteilnehmer das homöopathische Mittel und der anderen Hälfte, der Vergleichsgruppe, das Placebo (ohne dass diese wissen, dass sie das Placebo erhalten), zeigen beide Gruppen das gleiche Ergebnismuster. Es macht also keinen Unterschied, ob man das homöopathische Mittel oder ein gewöhnliches Placebo einnimmt.
Homöopathische Mittel sind Placebos. Sie wirken also, wenn überhaupt, psychosomatisch, also dadurch, dass der Anwender dran glaubt. Das Funktioniert wie eben auch mit Leitungswasser. Homöopathische Mittel sind keine echten Medikamente.

Natürliche Medizin / etwas pflanzliches

Weit verbreitet ist der Mythos, es würde sich bei Homöopathie um ein Naturheilverfahren oder auch um pflanzliche Naturheilmittel handeln. Das ist falsch. Homöopathie ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts und verwendet alle möglichen „Wirkstoffe“, so gibt es unter anderem Homöopathische Mittel mit den Wirkstoffen Benzin, Granitstaub und Hundekot.

Die Position der Piratenpartei: Keine Homöopathie auf Rezept

Unsere Position ist grob gesagt: Es bleibt jedem selbst überlassen, ob er sich für enorme Summen ein Placebo kauft und dann daran glaubt, dass es wirkt. Wir möchten allerdings die Praxis beenden, dass Placebos mit derartigem Geschäftsmodell massenhaft auf Kosten der Krankenkassen abgegeben werden und darüber hinaus der Eindruck erweckt wird, es handle sich um wirksame Medizin. Es ist nicht vertretbar, dass die Allgemeinheit mit den Kosten für überteuertes Zuckerwasser konfrontiert ist, deren angebliche Wirksamkeit in wissenschaftlichen Studien eindeutig nicht von anderen Placebos unterscheidbar ist.

Update

Ich vergaß zu erwähnen: Damit die angebliche Weitergabe der Information im Wasser besser funktioniert, müssen die Wassergläser dazwischen natürlich immer wieder geschüttelt werden.
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5 Comments

From Futti, 30.08.2013, 09:57
Du bist aber auch immer so böse. Weiter so.:-)
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From harald, 30.08.2013, 11:08
gerührt nicht geschüttelt ;-)
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From Silke, 30.08.2013, 17:06
Ich habe auch gelernt, dass die Intention des Schuettelnden wichtig ist. Deswegen wird das Verfahren bei Skeptikern nicht funktionieren, was natuerlich beweist, dass die nicht-Nachweisbarkeit der Wirkung nichts mit nicht vorhandener Wirkung zu tun hat.
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From Fischi, 30.08.2013, 17:22
Das Besteck darf nicht aus Metall sein, das hebt die Wirkung angeblich auf, außerdem sollte man die Mondphasen beachten und beim rühren einen Strudel bis zum Boden des Glases bilden, den Strudel dann stoppen indem man in die entgegengesetzte Richtung rührt und erneut einen Strudel bis zum Boden bilden! Sonst kann das Rezept natürlich nicht funktionieren ;-) ach ja, bitte positive Energien mit einarbeiten :-D
Lg fischi
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From Elsa, 06.12.2013, 18:17
Sehr verehrter Vorstand,

ich habe sieben Jahre bei einem weltbekannten Naturarzneimittelbetrieb gearbeitet und bin daher fachkundig - nicht fundamentalistisch bzw. gläubig. Deine Behauptung, dass Homöopathie und Plazeboeffekt gleichzusetzen sind, ist reiner Populismus bzw. ein provokant-pubertärer Wortangriff. Ohne Fachkenntnisse führen solche Behauptungen zur Fehlinformation der Öffentlichkeit. Also Schuster, bitte bleib bei Deinem Leisten!!!

Eine geduldige Sympathisantin
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