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21.02.2013, 14:37 Warum es einfach besser geht! - Antwort an Matthias zum Thema Bürgerhaushalt

Einige „kurze“ Kommentare von mir zum Beitrag von Matthias Tröndle zum Bürgerhaushalt:
Ich weiß auch nicht, wie aktuell die Prüfung der Anmeldungen stattfindet, ob standardmäßig bei allen Anmeldungen oder stichprobenartig. Da aber beim Meldeamt ja keine Mail-Adressen registriert sind, sind aber der Überprüfung wohl Grenzen gesetzt.
Das ist mit den aktuell erfassten Daten keinesfalls zuverlässig möglich, und Stichprobe findet meiner Erfahrung nach nicht statt. Ich habe sogar versucht, das mal auszureizen. Automatisch wird da nichts geprüft, und eine manuelle Prüfung konnte ich zumindest bei meinen Test-Accounts weder vor zwei Jahren noch jetzt feststellen.
Es wird ja auch nicht das vollständige Geburtsdatum abgefragt, sodass man mit Facebook, Telefonbuch und Freemailern zusammen auf einen Schlag hunderte völlig korrekte gefälschte Datensätze zur Anmeldung am System generieren kann.
Ich könnte mir noch am ehesten ein Verfahren vorstellen, wie es bei anderen Institutionen angewandt wird: die Stadt verschickt einen Brief mit einem Freischaltcode postalisch an jeden neu angemeldeten Nutzer.
Bingo. Man nimmt exakt den selben Meldedaten-View her, wie er schon für die Ladung zur Kommunalwahl verwendet wird. Jeder Stimmberechtigte erhält einen Brief mit Token/Code und weiteren Infos. Haben wir vor zwei Jahren schon vorgeschlagen, u.a. in der Anfrage an den Gemeinderat.
Im Bürgerhaushalt kann man dann seinen Account mit dem Code für Abstimmungen freischalten.
Da ist auch der Werbeeffekt viel stärker. Ein amtlicher Brief macht schon mehr Eindruck als ein unpersönlicher Flyer in der Post.
Eine 100%-ige Sicherheit mit den Accounts wird mal wohl trotzdem nie haben,
Das geht bei einem derartigen Online-Verfahren auch gar nicht. Gleiches Thema wie bei Wahlcomputern. Aber man sollte trotzdem immer auf das bestmögliche Verfahren zurückgreifen, finde ich.
aber bei Auffälligkeiten und den Top-Ergebnissen können ja immer noch die Accounts a posteriori überprüft werden.
Wie will man diese „Auffälligkeiten“ denn feststellen? Man muss beim aktuellen System nicht einmal Statistiker sein, um Vorschläge und Bewertungen so geschickt zu manipulieren, dass es im üblichen Rauschen nicht mehr erkennbar ist.
Dafür gäbe es mit Sicherheit Fehlerkennungen. Stell Dir nur einfach mal vor, ein Vorschlag bewegt die Leute so sehr, dass sich via Facebook und Twitter binnen kürzester Zeit Leute genau wegen diesem Vorschlag anmelden und dann nur für diesen Stimmen.
Deswegen halte ich es für eine Illusion, wenn man hier glaubt, das so heilen zu können.
Obwohl also die unbürokratische Anmeldeprozedur einen Missbrauch offenbar nicht absolut ausschließt, was zugegebenermaßen ärgerlich ist, heißt das noch lange nicht, dass das ganze “Verfahren diskreditiert” ist (wie Christian Thomae schreibt), denn der Kern des Bürgerhaushalts ist nicht das letztliche Abstimmungsergebnis, sondern der Prozess und die Möglichkeit der Einbringung von Vorschlägen, die bisher nicht in der politischen Agenda berücksichtigt wurden.
Jetzt stell Dir mal folgendes vor:
Am Ende des Verfahrens wird aufgedeckt, dass eine wesentliche Zahl der TOP 100 Vorschläge durch Manipulation dorthin gelangt sind, und dass nicht zuverlässig festgestellt werden kann, welcher der mal angenommen 2000 Vorschläge wie platziert ist. Das die vielen Stunden, die die Leute da in Lesen und Bewerten gesteckt haben, umsonst sind.
Das wäre ein GAU für das Ansehen des Bürgerhaushaltes als ganzes.
Und es gibt genügend Leute in Stuttgart mit dem Know-How, um diesen GAU herbei zu führen, weil das System das einfach ermöglicht. Das ist auch der Grund warum wir das letzte Mal schon still gehalten haben, weil wir das nicht wollen. Aber das kann jederzeit passieren, und die Idee Bürgerhaushalt in den Augen der Menschen diskreditieren.
Deshalb befasst sich ja der Gemeinderat am Ende ja gleich mit über hundert Vorschlägen, die allesamt die selben Chancen auf Umsetzung haben. Und auch die anderen Vorschläge sind nicht “gescheitert”, sondern im Gegenteil, werden teilweise vom Gemeinderat oder in den Bezirksbeiräten aufgegriffen.
Wie viele der tausenden Vorschläge aus dem letzten Bürgerhaushalt wurden durch den Gemeinderat bislang umgesetzt? Wie viele aus den TOP 120? Die Bilanz ist da (durchaus verständlicherweise, so etwas braucht auch Zeit) eher mau und betrifft in vielen Punkten m.E. Dinge, die ohnehin gemacht werden mussten. Aber die Abstimmung ist eben Schlangenöl und spielt den Leuten eher was vor.
Im Wesentliche kritisiert ihr, dass die Vorschläge nicht von vorne herein zusammengefasst werden und es deshalb oft auch unübersichtlich würde. Dabei gibt es ja bei diesem 2. Bürgerhaushalt eine wesentliche Änderung zum ersten: die Vorschlags- und die Bewertungsphase sind zeitlich getrennt.
Das war beim letzten Mal auch schon so. Das Verfahren unterscheidet sich im Wesentlichen nicht. Falls dieses Mal in der Bewertungsphase anders als letztes Mal keine neuen Vorschläge mehr möglich sind, dann ist das ein zweischneidiges Schwert, aber beim aktuellen Verfahren schon gut so.
In genau dieser Pause können ja die die eingegangenen Vorschläge auf Dopplungen geprüft und zusammengefasst werden.
Tausende Vorschläge. In händischer Prüfung. Mit Rücksprache mit den Vorschlagenden, ob denen das auch recht ist. Wie viele hundert Arbeitsstunden bzw. Mitarbeiter hat die Stadt Stuttgart dafür genau eingeplant für den Übergang zwischen 1. und 2. Phase?
Ich denke schon, dass es am besten ist, wenn dies “händisch” geschieht, denn angesichts der teilweise komplexen Materie wäre ein Algorithmus da wohl schnell überfordert.
Dem widerspreche ich entschieden. Denk doch mal an Werkzeuge wie Bugzilla.
Stell Dir folgendes Procedere vor:
  • Vorschlag angeklickt
  • "Bitte geben Sie hier einige Stichworte an, worum sich Ihr Vorschlag dreht"
  • Suchergebnisse mit den passendsten Vorschlägen + Zusammenfassung
  • Die Möglichkeit, einen Ergänzungsvorschlag zu einem bestehenden zu machen (wenn was nicht weit genug geht)
  • Am Ende die Auswahl "meine Idee ist nicht dabei, neuen Vorschlag anlegen"
Das eliminiert in Bugtracking-System erfahrungsgemäß Doubletten im Idealfall fast vollständig. Beim Bürgerhaushalt wäre die Quote wohl etwas geringer. Aber dennoch. Die Stadt kann dann das gleiche Modul selbst nutzen bei der händischen Prüfung. Win-Win.
Und wie gesagt, das ist für einen geübten Softwareentwickler vielleicht ein halber Tag Arbeit, das in das Bürgerhaushalts-Drupal zu integrieren. Und wir haben den Vorschlag schon vor zwei Jahren gemacht.
Die händische Behandlung der Vorschläge sollte die allerletzte Instanz sein. Davor sollten alle technisch sinnvollen Mittel ausgeschöpft sein. Derzeit werden m.E. praktisch überhaupt keine technischen Möglichkeiten ausgeschöpft.
Deshalb würde ich abwarten, was dann zu Beginn der Bewertungsphase rausgekommen ist, bevor ich kritisieren würde.
Wir bewerten es auch daran, was schon das letzte Mal bei genau dem Verfahren herausgekommen ist.
Ich denke, dass die städtischen MitarbeiterInnen da sicherlich einen guten Job machen werden.
Hab ich nie infrage gestellt. Ich finde es nur schade, dass man sie mit Fließbandarbeit belästigt, die zu 90 % das System erledigen könnte.
Außerdem gibt es nun in der Vorschlagsphase die Möglichkeit den eigenen Vorschlag bis zu Ende der Phase zu ändern.
Das ging meiner Erinnerung nach beim letzten Mal auch schon. Ich weiß nur nicht mehr ob ich dazu den Button oder die Kontaktanfrage verwendet hatte :-)
Dies ist vor allem relevant, da andere nun die AutorInnen der vorhandenen Vorschlägepersönlich anschreiben können um Anregungen zu geben oder eine Zusammenarbeit anzuregen.
Es gibt weder eine Änderungshistorie, noch eine Etherpad-Integration zum gemeinsamen Bearbeiten der Vorschläge, noch eine Wiki-Artige Änderungsansicht... Das System bleibt trotz eines potentiell neuen „Bearbeiten“-Buttons weit, weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Möglichkeiten, die wir wie gesagt vor zwei Jahren schon vorgeschlagen hätte. Umsetzbare Möglichkeiten. Möglichkeiten, die es für Drupal mitunter sogar als fertige, kostenlose Module gibt.
Was die Nutzeroberfläche angeht, so ist das sicherlich immer subjektiv, wie geordnet oder ungeordnet es empfunden wird.
Teilweise richtig. Aber was wir hier haben ist einfach eine veraltete, nicht zeitgemäße Oberfläche. Es gibt nicht umsonst eine ganze Berufsgruppe, die sich mit User Interface Design befasst.
Für die Chancengleichheit aller Vorschläge finde ich es gut, dass es gerade keine Listen der aktuellen “hot topics” gibt.
Das macht die Sache fairer. Aber so etwas vermisse ich persönlich auch nicht. Ich vermisse eine intuitive Suche mit einer besseren Aufbereitung der Ergebnisse.
Und bei den Vorschlägen eine automatische Anzeige ähnlicher Vorschläge.
Und die Möglichkeit, Alternativanträge aufeinander zu referenzieren. Wenn es z.B. darum ginge, wie ein Kreisverkehr neu gestaltet wird und es da unterschiedliche Variantenvorschläge gibt. Da ist es blöd und nicht besonders Benutzerfreundlich, wenn die einfach nur ohne Bezug aufeinander konkurrieren.
Das zeigt mir, dass vielen offenbar die Möglichkeit fehlt, diese Vorschläge anderweitig einzubringen oder die Kenntnis darüber wo sie dies tun könnten.
Bingo. Es braucht so ein Werkzeug als permanentes Tool für die Verwaltung, den Gemeinderat und die öffentlichen Institutionen, um sich im ständigen offenen Verfahren Feedback zu holen. Aber das haben wir eh vor zwei Jahren schon verlangt.
Und nein, ich halte die gelben Zetteln nicht als adäquate Lösung, wie das der Schuster mir damals verkaufen wollte.
Wir würden das der Stadt sogar entwickeln! Geschenkt! Liebend gerne!
Jemand, der viel Zeit am Computer verbringt und mit komplexer Software zu tun hat, wird sicherlich viele Features vermissen, wie Untervarianten von Vorschlägen etc..
Wenn ich den Bürgerhaushalt aktuell nutze, denke ich mir jedes Mal, wie einfach vieles sein könnte und wie viel Zeit ich mir gespart hätte, wenn das etwas komfortabler umgesetzt wäre. Die Google-Suche ist auch viel viel komplexer als z.B. die Bing-Suche oder die Yahoo-Suche. Trotzdem ist sie viel einfacher und intuitiver benutzbar und konzentriert sich jeweils auf das Wesentliche. Mit ein Grund für ihren Erfolg. Das meine ich.
Es kommt immer drauf an, wie man etwas macht.
Alles in allem sind wir uns sicher einig, dass das ein sehr gutes Beteiligungsinstrument ist, und ich bin froh, dass es zur zweiten Auflage kam.
Wenn das nicht der Fall gewesen wäre und die Stadt das endgültig versemmelt hätte, hätte ich mich zwei oder drei Wochenenden hingesetzt um den bestmöglichen Bürgerhaushalt zu implementieren und wir wären damit in den Gemeinderatswahlkampf gezogen.
Wobei die Situation jetzt nicht viel anders ist. Die Verlockung ist für mich gerade groß, dass wir uns irgendwo die Zeit raus reißen um einen Bürgerhaushalt so hin zu stellen, wie er sein sollte. Und ihn der Stadt so zu schenken.
Ich kann die Kritik im Detail ja auch teilweise gut nachvollziehen, finde aber, dass das Verfahren nicht als insgesamt so schlecht dargestellt werden sollte, dass am Ende noch die Leute von der Teilnahme abgeschreckt werden.
Da spricht auch viel Frust. Vor zwei Jahren wurde der Zustand damit begründet, dass man keine Vorbereitungszeit hatte. Seitdem sind zwei Jahre vergangen. Das Argument zieht ehrlich gesagt nicht mehr wirklich.
Und wenn man Leute mit einem schlechten Tool ein gutes Prinzip madig macht, dann hat man auch nichts davon. Die Erfahrung haben wir bei der Piratenpartei mit Liquid Feedback machen müssen. Viele Leute lehnen das Prinzip nach wie vor wegen der mittlerweile behobenen Schwächen der ersten Version ab. Das darf Stuttgart beim Bürgerhaushalt nicht passieren!
Die rechtlichen Aspekte bei der Umsetzung von mehr direkter Demokratie sind wieder ein anderes Thema, über das ich bei Gelegenheit auch mal gerne diskutiere.
Da kann die grün-rote Koalition gerne mal ihre Wahlversprechen umsetzen, dann wären wir schon einen guten schritt weiter. Da gehört nämlich so einiges an Landesgesetzen geändert. Aber das ist ein anderes Thema ;-)
Danke jedenfalls für den guten und sachlichen Diskurs bislang! Wir sollten die Korrespondenz beim Arbeitskreis einreichen :-)
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