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08.03.2012, 19:17 Feminismus, ein Begriff

Der Kegelklub hat heute die Ergebnisse seiner Gender-Studie veröffentlicht. Besonders ins Auge gestochen ist mir die Frage, wofür der Feminismus stehen würde (Seite 27).
Die möglichen Antworten waren:
  • Bevorzugung von Frauen
  • Förderung von Frauen
  • Gleichstellung der Geschlechter
  • Ende der Bevorzugung von Männern
  • Kampf gegen Männer
Ich würde hier, im Bezug auf idealen Feminismus, klar mit „Gleichstellung der Geschlechter“ antworten. So definiere ich den Feminismus, für den ich mich einsetze. „Ende der Bevorzugung von Männern“ ist ebenfalls eine im Prinzip sinnvolle Antwort. Insgesamt haben aber 58 % der Teilnehmer der Studie sich für eine der anderen Antworten entschieden. Nach Geschlechtern aufgeschlüsselt haben sich also 61 % der Männer und 44 % der Frauen gegen die beiden zutreffenden Antworten entschieden. Der Begriff Feminismus hat also ganz offensichtlich, zumindest innerhalb der Piratenpartei, ein Image-Problem.
Wenn man sich in Deutschland mit Feminismus beschäftigt, kommt man an einem Namen nicht vorbei: Alice Schwarzer. Als eine der großen Persönlichkeiten der deutschen Frauenbewegung war sie maßgeblich an der Überwindung von geschlechterspezifischen Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft beteiligt. Die Frauenbewegung hat ihren Kampf glücklicherweise gewonnen, weshalb wir heute vor neuen und teilweise auch komplexeren Problemen der Gleichstellung stehen, die sich teilweise ganz wesentlich von den damaligen Missständen unterscheiden.
Doch Schwarzer und viele ihrer Mitstreiter kämpfen, wie die sprichwörtlichen Generälinnen und Generäle, immer wieder die Schlachten vergangener Kriege.
Für viele junge Menschen grenzen die Forderungen und Vorwürfe, die diese Menschen unter dem Label "Feminismus" stellen, ans absurde. Die Art und Weise, wie die Zeitschrift EMMA etwa Seite an Seite mit Frau v.d. Leyen (Zensursula) den Gegnern des Zugangserschwerungsgesetzes pauschal unterstellt hat, sie wären Pädophile oder würden zumindest mit Pädophilen sympathisieren, das haben viele nicht vergessen. Oder wie Schwarzer vollkommen Pauschal und ohne jede Differenzierung für ein Verbot von Pornographie eintritt. Und unter Pornographie versteht man dort offensichtlich jede Art von Nacktheit, unabhängig vom Kontext, mit der Schwarzer persönlich nicht einverstanden ist. Zumindest von der Forderung eines völligen Verbots des Internets, oder zumindest einer totalen Überwachung, wie sie in den 1990ern mit Verweis auf Pornographie durch EMMA formuliert wurde, ist man mittlerweile grundsätzlich abgewichen.
Man muss nur mal die Artikel der EMMA hernehmen, oder auch die Stellungnahmen der User in ihrem Online-Forum, und dort die Begriffe "Mann"/"Männer" und "Frau"/"Frauen" vertauschen, besonders wenn wertend über die Geschlechter geschrieben wird.
Die feministische Partei "DIE FRAUEN", die mittlerweile scheinbar nicht mehr aktiv ist, war ein Versuch, diese Ideologie direkt in die Politik zu tragen. Obwohl das Programm einige gute Punkte enthält, verdeutlicht es doch eines: Viele dieser sogenannten "Feministinnen" und "Feministen" haben selbst ein durch und durch sexistisches Weltbild. Man muss nur die beiden Geschlechterbegriffe etwa im Parteiprogramm von "DIE FRAUEN" tauschen, um sich das direkt vor Augen zu führen.
Und wenn starke junge Feministinnen, wie Charlotte Roche, es wagen, mit Schwarzer nicht einer Meinung zu sein, werden diese gnadenlos bekämpft und ins Lächerliche gezogen. Der Feminismus im Dunstkreis der EMMA ist von einem - im negativsten Sinne - bemerkenswerten Schwarz-Weiß-Denken geprägt, der die historischen Leistungen dieser Bewegung bedauerlicherweise diskreditiert. Heute unterstützt Schwarzer offen und direkt die BILD-“Zeitung“, die sie vor 20 Jahren am liebsten hätte verbieten lassen.
All diese Dinge sind maßgebliche Ursachen dafür, wie die jüngere Generation den Begriff „Feminismus“ bewertet.
Die Antworten „Bevorzugung von Frauen“ und „Kampf gegen Männer“ scheinen durchaus als sinnvolle Antworten, wenn man den Begriff „Feminismus“ nur anhand dessen bewertet, was EMMA und Dunstkreis in den vergangenen Jahren so von sich geben. Und dabei wird gerne übersehen, dass zwischen den vielen Absurditäten der EMMA auch mitunter viele wichtige Forderungen stecken.
Der Feminismus, von dem die Mitglieder des Kegeklubs redet hat damit freilich wenig zu tun. Da geht es um die Chancengleichheit für alle Menschen, einen Respektvollen Umgang miteinander und eine Überwindung von Vorurteilen und krampfhaft geschlechtsbezogenem Denken. So sehe ich das zumindest. Wir sind alle Menschen, verdienen die gleichen Rechte, Chancen und Pflichten. Und das verstehe ich unter Feminismus.
Es tut mir weh, dass viele den Begriff Feminismus nur mit der Minderheitsmeinung einiger Extremisten verbinden. Und das ist meines Erachtens nach ein wesentliches Problem: Dass die Teilnehmer der Gender-Debatte unter vielen Begriffen völlig andere Dinge verstehen, und schon alleine deswegen häufig aneinander vorbei diskutieren.
Cymaphore as femaleDabei ist die Diskussion keineswegs sinnlos und wir haben als Piratenpartei die Möglichkeit, wichtige Beiträge zur Beseitigung von Ungerechtigkeiten zu leisten – wenn wir es denn endlich schaffen, bei der Thematik wie vernünftige Menschen miteinander zu reden. Innerhalb wie außerhalb der Piratenpartei.
Ich bin weder transsexuell noch homosexuell und ich halte persönlich hochhackige Schuhe für kein besonders geeignetes Schuhwerk. Dennoch habe ich in weiblicher Optik (lt. Mainstream-Definition) am vergangenen Christopher Street Day in Stuttgart bei unserer piratigen Fußgruppe teilgenommen.
Warum? Weil ich es kann!
Weil ein Rock, hohe Schuhe, Schminke und lange Haare verdammt noch mal kein Rechtfertigung dafür sein dürfen, einen Menschen auf sein biologisches Geschlecht zu reduzieren und Vorurteilsgetrieben schlechter zu behandeln.
Für mich sind alle Menschen einfach nur Menschen, unabhängig von ihrem biologischen oder sozialen Geschlecht und der Art und Weise, wie sie sich gerne kleiden und schmücken und wie sie einander lieben und woran sie glauben.
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3 Comments

From jp, 08.03.2012, 19:56
"Da geht es um die Chancengleichheit für alle Menschen" ist Feminismus dann nicht der falsche Begriff? Laut Duden: "feminin:für die Frau charakteristisch, weiblich; (Sprachwissenschaft) mit weiblichem Geschlecht" und "Feminismus: die, von den Bedürfnissen der Frau ausgehend, eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Normen [...]". Die zweite Definition kommt näher an " die Chancengleichheit für alle Menschen" hin. Trotzdem verstehe ich nicht, warum dieser Begriff, "Feminismus", so wichtig ist. Selbst wenn die Bedeutung von Feminismus nichts mit "feminin" zu tun hätte, ist "feminin" Bestandteil des Wortes, und jeder der die genau Definition nicht kennt wird "Feminismus" dann mit "feminin"=weiblich assozieren. Nennen wir es doch einfach "Equalismus", dann ergibt sich die Bedeutung automatisch.
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From cmrcx, 08.03.2012, 23:01
Ich löse dieses Problem für mich, indem ich den Begriff "Feminismus" nicht mehr verwende. Statt dessen versuche ich direkt über das zu reden, worum es geht, z.B. über bestimmte Formen der Diskriminierung. Wenn jemand anderer den Begriff verwendet, frage ich nach, was er genau damit meint.

Ich benutze auch keinen anderen Begriff, weil mir keiner einfällt und weil es glaube ich auch ohne einen solchen Begriff geht. Vielleicht ist ein Begriff sogar schädlich, weil er zu Schubladendenken und Frontenbildung führt, was gerade bei diesem emotionalen Thema ein besonderes Problem ist.
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From mondamo, 03.06.2012, 13:17
Ich denke gesellschaftliche Veränderungen brauchen einfach ihre Zeit, und da gehören genau solche Debatten dazu. Ich persönlich bin häufig sehr erschüttert, wie wir Menschen uns gegenseitig nach wie vor erst einmal primär nach Geschlecht einteilen und dann alles andere nach Schubladen sortieren. Als könne man sich nicht einfach von Mensch zu Mensch begegnen.

Die Unterschiede untereinander in den Reihen der Frauen und Männer selbst sind so verschieden, dass so mancher Mann eigentlich eher eine Frau wäre und umgekehrt. Aber das wird dann vehement abgestritten, weil die Geschlechtszugehörigkeit so verdammt identitätsstiftend ist. Es ist und bleibt mir ein Rätsel.

Schön wäre doch, wenn es eine Einteilung nach Mann oder Frau in den Köpfen der Menschen gar nicht gäbe.
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