Cymaphore

Now and then

Our world is made of glass

24.03.2010, 20:20 Ein schwieriges Erbe

Die jüngste Diskussion zum Thema Geschlechter innerhalb der Piratenpartei hat einiges an Staub aufgewirbelt. Von Unverständnis, vollster Zustimmung, über Gleichgültigkeit, Ablehnung, Emotionen jeder Art bis hin zu schlimmstem Getrolle. Das Thema hat uns so manches vor Augen geführt.
Zu allererst muss man feststellen dass das Thema keineswegs unbedeutend ist, anderenfalls gäbe es nicht derart viele, teils sehr emotionale, Beiträge dazu. Die Blog-Beiträge selbst zum Beispiel spiegeln oft ein großes Misstrauen gegenüber dem anderen Geschlecht wieder. Oft wird mehr mit Klischees gehandhabt als tatsächlich auf die Vorschläge von Leena oder die Gender-Situation der Piraten einzugehen.
Auffällig ist, wie häufig sich die Vorwürfe und Unterstellungen gleichen - unabhängig vom Geschlecht der Schreiber. Oft ist von einer Übermacht des anderen Geschlechts die rede, von einem grundsätzlichen Interesse der Unterdrückung, ja geradezu einer Verschwörung gegen das eigene Geschlecht. Mit einer sachlichen, zielorientierten Diskussion hat das wenig zu tun.

Mädchen spielen mit Puppen, Buben spielen mit Rittern

Eine Hauptursache für die Debatte und die Dahinterliegenden Probleme ist unsere Erziehung, und das Geschlechterbild, dass in uns allen durch unsere Eltern geprägt wurde. Obwohl viele praktische Benachteiligungen der Frauen mittlerweile gefallen sind, werden Kinder nach wie vor entsprechend ihres Geschlechts konditioniert. Ich meine damit weniger noch vergleichsweise harmlose Dinge wie "Rock oder Hose", sondern eher wie der Nachwuchs auf ideologischer Ebene lernt, wie man als Mädchen oder als Bub zu sein hat.
Natürlich ist die Situation besser als in düsterer Vergangenheit, aber sie ist noch lange nicht so gut, dass wir uns in Wohlgefallen zurücklehnen können.
Immer noch werden Kinder dem Geschlecht nach tendenziell in bestimmte Richtungen erzogen, nach wie vor gelten viele Charaktereigenschaften absurderweise als geschlechtsspezifisch, obwohl die Forschung diese schon länger als erlernte Eigenschaften identifiziert hat (Interessante Lektüre dazu: Frage der Identität: Was macht den Mann zum Mann?).
Spielzeug für Mädchen weckt und fördert andere Interessen als Spielzeug für Buben. Wenn Menschen schon so früh anerzogen wird, welche Interessen ihr Geschlecht zu haben darf, oder muss, ist es da verwunderlich, dass die große Mehrheit aller Erzieher, speziell Kindergartenpädagogen Frauen sind, während in technischen Berufen die Männer in der Überzahl sind, um mal zwei populäre Beispiele zu nennen?
Ich gehe dabei auch von der Annahme aus, dass das biologische Geschlecht grundsätzlich kaum einen Einfluss darauf hat, wie geeignet man für einen bestimmten Job ist. Leider ist es heute so, dass Merkmale wie Geschlecht, Herkunft oder finanzielle Situation der Eltern dennoch eine entscheidende Rolle spielen, welchen Weg ein Kind im Leben gehen kann - und wird.
Solange manche Eltern anhand veralteter Vorstellungen der Meinung sind, ihr Kind sei zu weibisch oder so männlich, solange diese Eltern um diese Grundannahmen herum ein Weltbild aufbauen, solange haben wir ein Problem.
Es ist kein Problem der Piratenpartei alleine, aber wir können mithelfen, hier für mehr Gerechtigkeit zu sorgen.

Ideologie der Veränderung

Veränderungen finden hier vergleichsweise langsam statt. Menschen, die ihr ganzes Leben lang in eine bestimmte Richtung geprägt wurden, können sich meist nicht von heute auf morgen verändern, sondern folgende Generationen sind die stärkeren Träger des Fortschritts. Eine sichtbare Auswirkung ist der Generationenkonflikt.
Am Anfang steht das Umdenken. Wenn wir Fortschritte erziehen wollen, müssen wir zuerst unser eigenes Denken verändern. Eine "Männer gegen Frauen"-Mentalität, wie sie prominent von EMMA und MANNdat gelebt und gepflegt wird, bringt nur Extreme mit sich, keine nachhaltigen Lösungen.
Die Lösung unserer Probleme liegt nicht in der Betonung dessen, was uns trennt, sondern in dem, was uns verbindet.
Die geistigen Trennwände sind schließlich die eigentliche Ursache der Probleme. Männer- und Frauenlobbies sind keine Lösung. Fortschritt braucht gemeinsames Wirken, und eine Loslösung von alten Vorurteilen und veralteten Ideen.

Warum nicht einfach wegschauen?

Einige Piraten sind wegen der Gender-Diskussion verärgert, und halten sie für Zeitverschwendung. Solange Schwarz-Geld regiert, sollten wir unseren Fokus doch eher dorthin richten.
Ich bin anderer Meinung. Gerade wir sollten hier nicht den bequemen Weg gehen, sondern uns dem Thema stellen: Anderenfalls ist unsere Mission der Gerechtigkeit schließlich ein schwaches Versprechen.
Ich rufe alle Piraten dazu auf, nicht zu polemisieren, sondern sich sachlich, objektiv und vor allem konstruktiv an der Diskussion und einer möglichen Agenda zum Thema Gender zu beteiligen.
Denn ich glaube nicht daran, dass digitales Gejammer zu irgendwas führen wird.
Nachtrag: Ich behaupte natürlich nicht, die Geschlechter seien im Grunde ein Einheitsbrei. Ich will sagen, dass unser soziales, unser erlerntes - und somit veränderliches - Geschlecht in Wahrheit um so vieles mächtiger ist als unsere biologischen Geschlechtsmerkmale, dass es doch absurd ist, dass wir mit dem Verweis auf s.g. "biologische Fakten" untätig bleiben...
Update: Julia Reda geht in ihrem Blog auf den Gender-Diskurs und Schitzräume ein, ich erlaube mir einen Auszug zu zitieren, und lege eine Lektüre des ganzen Artikels nahe:
[...]
Gleichzeitig sei mir aber noch nie ein Pirat untergekommen, der mir auf Basis der Satzung ernsthaft versuche vorzuschreiben, dass ich mich nicht als Piratin bezeichnen dürfe, was ich schon länger zu tun pflege. So weit, so gut. Das Problem ist, beim Hören des Interviews und den Ausführungen zum Schutzraum ist mir aufgefallen, dass ich in dieser Argumentation gelogen habe. Mir sind schon mehrfach Piraten untergekommen, die mich ernsthaft dafür angegangen sind, dass ich mich Piratin nenne, und sich auf die Satzung berufen haben. Witzigerweise wurde ich von wiederum anderen Personen schon angegangen, weil ich mich als Pirat bezeichnete. Als Frau kann man es in dieser Frage augenscheinlich nicht allein recht machen. Nun waren diejenigen, von denen solche Äußerungen kamen, natürlich einzelne Spinner und bei weitem nicht die Mehrheit. Die meisten Piraten meinen es mit der Gleichberechtigung durchaus ernst und lassen sich auch auf Diskussionen darüber ein.
[...]
Ich denke, wir müssen viel mehr betonen, dass Diskriminierung aufgrund des Geschlechts nicht an feste Rollenverteilungen gebunden ist. Männer diskriminieren gegen Frauen, Frauen gegen Männer, aber sehr oft auch Männer gegen Männer oder eben Frauen gegen Frauen.
[...] – Julia Reda, Gender-Diskurs und Schitzräume
Update: Spreeblick berichtet dazu, eine gute Zusammenfassung der Sachverhalte rund um Leena.
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7 Comments

From Windbeutel, 24.03.2010, 22:06
Ich sehe schon, wie man(n) dir hier die Tür einrennt, um endlich auf Gleichberechtigung zu achen. Darauf haben die Piraten gewartet.

:-)

Das alles ist schon hundertmal gesagt und verpufft. Aber sei dir sicher, wenn es ein Mann sagt, wirst du "nur" ignoriert, aber sagt es eine Frau bricht augenblicklich eine Lawine an sexistischer Scheiße über sie herein, die du dann "Trolling" nennst und für unwichtig hältst. Aber genau das ist eben das Problem.
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From Nachtrag, 24.03.2010, 22:28
Mich würde ihre Meinung hierzu intressieren:

http://u5l.de/i4
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From Erdrandbewohner, 25.03.2010, 08:01
Hi,

Wenn ich Dich richtig verstehe, vertrittst die Ansicht, das biologische Geschlecht habe keinen Einfluss auf unsere Identität und Verhaltensweisen, wenn man von der geschlechterspezifischen Prägung durch Erziehung und Gesellschaft absieht. Diese Theorie ist mir bekannt, sie erreichte in den 70er Jahren große Popularität.

Ich stimme nicht mit dieser Theorie überein. Natürlich hat unser biologisches Geschlecht einen deutlichen Einfluss auf unser Verhalten und Empfinden. (Stichwort Hormone) Bereits in der Kindheit zeigen sich teilweise signifikante Unterschiede zwischen dem Verhalten und den Interessen von Jungen und Mädchen, die nicht alleine durch soziale Prägung erklärt werden können. Diese Unterschiede können, müssen aber nicht stark ausgeprägt sein und manchmal sind sie überhaupt nicht zu beobachten, sie sind fließend.

Darin sehe ich auch kein Problem. Das Problem ist die Bewertung und der Umgang mit diesen Unterschieden. Jeder Mensch hat das Recht sich so zu entfalten, wie es seinen Anlagen entspricht. Und genau an dieser Stelle versagt das alte und das neue Geschlechterkonzept. Der wilde, raufende und fußballspielende Junge hat ebenso das Recht sich frei zu entfalten wie das wilde, raufende und fußballspielende Mädchen. Weder an dem Jungen noch an dem Mädchen ist irgendetwas verkehrt. Und andersrum soll sich der ruhige, sozial empfindsame Junge ebenso willkommen fühlen wie das ruhige, sozial empfindsame Mädchen. Mir ist klar, daß ich hier jeweils zwei extreme Pole beschreibe.

In sofern wird jede Förderung bzw. eine unterschiedliche Behandlung nur nach Geschlecht dem Individuum nicht gerecht. Stichwort Mädchen- bzw. Frauenförderung. Eine solche einseitige Förderung ist sogar schädlich, wie wir derzeit an den Jungs sehen, die nun zunehmend als Bildungsverlierer dastehen. Einige Frauen sehen darin sogar den "Beweis" erbracht, daß Mädchen nun mal intelligenter sind. Das ist umgekehrte Diskriminierung, das kann ja nicht das Ziel der ehemals wichtigen Frauenbewegung sein, oder? Wann ist eine Gleichberechtigung erreicht? Wenn jeder Mensch sich nach seinen Veranlagungen frei entfalten kann und darin gefördert wird. Unabhängig von dem biologischen Geschlecht. Und sie ist erreicht, wenn Männer und Frauen frei wählen können, welche Aufgaben und Rollen sie für sich und für diese Gesellschaft übernehmen wollen. Das muß das Ziel sein. Aber bis dahin ist es noch ein gutes Stück Weg.

Zu den Piraten: Die Diskussion war grottig. Lenas Vorstoß war nicht richtig, aber ein großer Teil der Reaktionen darauf war einfach nur zum fremdschämen und zum "als-Pirat-in-den-Boden-versinken. Übrigens kamen die trolligen und unsäglichen Reaktionen von beiderlei Geschlecht...
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From Azundris, 25.03.2010, 08:24
Eva Herman? Hatte die nicht gerade noch "homosexuell" für ein Geschlecht gehalten? http://bit.ly/6RiiFn
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From Gegenargument, 25.03.2010, 09:35
"Geschlechtsidentität ist demnach die Grundlage aller Identitätsentwicklung. Der Mensch kann erst dann zu einer, wie auch immer gearteten Identität gelangen, wenn er sich als Frau oder Mann "begreift". Dies ist die Voraussetzung in unserer Gesellschaft der
Zweigeschlechtlichkeit zu einem umfassenden Identitätsverständnis beizutragen."

http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/volltexte/2002/470/pdf/bm_diss.pdf
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From netgnom, 25.03.2010, 10:15
Danke für die ruhige Art und Weise, mit du über dieses Thema schreibst... Deinen Aufruf zu mehr Sachlichkeit und Objektivität unterschreibe ich dir sofort! :-)
In einer Sache muss ich allerdings hinzufügen: Es gab in der letzten Zeit Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass die biologische bzw genetische Prädisposition (also unsere Gene) doch einen gewissen Einfluss auf bestimmte Verhaltensweisen haben können (auf die Schnelle habe ich diesen Beitrag gefunden: http://www.rp-online.de/wissen/umwelt/Affen-sind-auch-nur-Menschen_aid_552797.html). Es gibt auch Hinweise auf unterschiedliche Informationsverarbeitung im Gehirn abhängig vom Geschlecht....
Die Meinungen darüber, wie groß der Enfluss unserer Gene auf das soziale Verhalten ist, haben sich im Laufe der letzten 80 Jahre immer wieder mal geändert: von sehr groß (20-30er Jahre) bis nicht-existent (70-80er Jahre). Und noch ist das letzte Wort zu diesem Thema nicht gesprochen. Die derzeitige wissenschaftliche Meinung wird in dem oben genannten Artikel gut mit diesem Satz zusammengefasst: "[], dass biologische Unterschiede eine Neigung vorgeben, die dann durch das gesellschaftliche Umfeld verstärkt wird."

Das ich diesen Einwurf mache, bedeutet natürlich nicht, dass ich die bestehende "Ordnung" gutheiße :-) Die Geschlechter-Debatte muss auf jeden Fall geführt werden ... aber mit Sachlichkeit, Gelassenheit und .. ganz wichtig... beidseitigen Respekt... (btw eine Prise Humor könnte auch nicht schaden ;-) )
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From Cymaphore, 25.03.2010, 12:21
Windbeutel,

oh wie schön, einer von den Jammertexten wie ich es oben angesprochen habe. "Oooh, die bösen <Geschlecht einsetzen> wollen uns <Geschlecht einsetzen> die Identität rauben! Zu Hülfe!" ...


Erdrandbewohner,

ich habe es im Nachtrag nochmal klargestellt...

Wenn ich das richtig verstehe betonst du, dass die individuelle Entfaltung wichtiger ist, als sich auf alte, neue, oder sonstige Geschlechterbilder zu fixieren - und da hast du meine vollste Zustimmung.


Azundris,

Auszug aus deinem geposteten Artikel: "Die grausige Ideologie der Gleichheit von Mann und Frau" -- Wow, furchtbare Vorstellung das Mann und Frau sich auch nur ähnlich sind, schlimm schlimm schlimm... :-)


Gegenargument,

und was ist mit den vielen anderen Kulturen auf diesem Planeten, deren Geschlechteridentitäten teilweise völlig anders funktionieren als unsere? Unabhängig wie man das Beurteilt, woran macht man das dann fest? Doch mit Sicherheit nicht an der Biologie...


netgnom,

man tut was man kann... Ich hoffe das noch weitere die Sachlichkeit für sich entdecken, vielleicht auch mit Humor, da hast du schon recht... ;-)

den Einfluss will ich garnicht bestreiten, aber die Stärke dieses Einflusses. Mich stört es, dass man in der Genderdiskussion häufig über die Geschlechter spricht, als seien es unterschiedliche Spezies... Dabei sind die Eigenschaften, mit denen argumentiert wird, häufig nichts weiter als kulturelle Aspekte.

Ich habe nichts gegen Geschlechteridentität, solange sie nicht dazu missbraucht wird, die Menschen in ideologische Käfige zu sperren, wass man als <Geschlecht einsetzen> kann, darf oder soll und was nicht.
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